Forschungsgruppe 1: Evolutionäre Ökologie
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Das Sackflügelfledermaus-Projekt

Christian C. Voigt und Barbara Caspers


1. Reproduktionsstrategien von Männchen
2. Chemische Signale
3
. Die soziale Regelung der Harem-Nachfolgen
4
. Reproduktionsbiologie und Endokrinologie

 

Die Sackflügelfledermaus (Abb. 1) gehört zu den insektenfressende Fledermäusen der Neotropen. Das Verbreitungsgebiet erstreckt sich von Mexiko bis nach Südost-Brasilien. Die ungefähr sieben bis acht Gramm schweren Fledermäuse verbringen den Tag in Kolonien von bis zu 60 Individuen in den Nischen zwischen Brettwurzeln großer Regenwaldbäume, in großen Baumhöhlen oder aber in verlassenen Gebäuden. Unser Hauptuntersuchungsgebiet liegt im karibischen Tieflandregendwald Costa Ricas, auf dem Gelände der Feldstation "La Selva" der "Organisation for Tropical Studies"

1. Reproduktionsstrategien von Männchen

Das Paarungssystem von Saccopteryx bilineata wurde als harem-polygyn beschrieben, da Männchen ein Territorium verteidigen, in dem bis zu neun Weibchen den Tag verbringen. Periphere Männchen, die in der Nähe solcher Harems hängen, interagieren relativ häufig mit den harembewachenden Männchen und den Weibchen. In einem Kooperationsprojekt mit Dr. Frieder Mayer (Universität Erlangen-Nürnberg) wird der individuelle Fortpflanzungserfolg der Männchen untersucht. Dabei ist vor allem die Frage nach den Faktoren, die über Erfolg und Nicht-Erfolg entscheiden von größtem Interesse. Frühere Studien zeigten,  dass Harem-Männchen im Durchschnitt nur 30% des Nachwuchses innerhalb ihres Harems zeugen. Die restlichen Jungtiere konnten anderen Harem-Männchen oder peripheren Männchen der Kolonie bzw. Männchen anderer Kolonien zugeordnet werden. Trotzdem haben Harem-Männchen einen signifikant höheren Reproduktionserfolg als periphere Männchen. Außerdem konnten wir zeigen, dass kleine oder symmetrische Männchen relativ mehr Jungtiere zeugen als große Männchen. Die Übernahme und die Verteidigung eines Harems ist eine lohnende Strategie für Saccopteryx-Männchen.

 

2. Chemische Signale

Im Gegensatz zu den Weibchen besitzen Saccopteryx-Männchen eine Flughauttasche mit vielen Hautfalten. In diesen Flughauttaschen befindet sich eine stark riechende Flüssigkeit, die von den Männchen bei unterschiedlichen Verhaltensweisen eingesetzt wird. Eine dieser Verhaltensweisen ist der Schwirrflug (Abb. 9). Mehrmals am Tag, vor allem in den frühen Morgen- und Abendstunden schwirrt das Männchen vor den Weibchen seines Harems. Dabei öffnet das Männchen in gewissen Abständen die Flughauttaschen und fächelt den Weibchen Duft zu. Ein Schwirrflug dauert bis zu 14 s. Außerdem wurde beobachtet, dass die Flughauttaschen bei der Annäherung der Männchen an Weibchen, dem sog. "salting" (Abb. 3), und bei der Kopulation geöffnet sind.

Frühere histologische Studien belegen, dass es sich bei den Flughauttaschen der Männchen nicht um Drüsen handelt. Über Verhaltensbeobachtungen in den Tagesquartieren fanden wir heraus, dass Saccopteryx-Männchen jeden Nachmittag eine Art Parfüm-Cocktail (Abb. 7) aus Urin, Speichel und Drüsensekret in ihren Taschen mischen. In einem Kooperationsprojekt mit Dr. Frank C. Schroeder und Prof. Dr. Jerrold Meinwald von der Cornell University sowie Dr. Stephan Franke von der Universität Hamburg untersuchen wir nun die männchenspezifischen Duftsubstanzen in Hinblick auf Sexualpheromone. Durch die Analyse individueller Männchendüfte soll außerdem festgestellt werden, ob individuelle, alters- oder koloniespezifische bzw. saisonale Unterschiede im Duftprofil existieren.   

In einem weiteren Kooperationsprojekt mit Dr. Stephanie Speck (IZW) und PD Dr. Martin Dehnhard (IZW) untersuchen wir, welchen Einfluss die bakterielle Flora der Taschen auf die Produktion bzw. den Abbau der Duftsubstanzen hat. Das langfristige Ziel dieses Projektes ist, zu verstehen, welche Rolle der Duft bei der Partnerwahl von Saccopteryx bilineata spielt.

3. Die soziale Regelung der Harem-Nachfolgen

Über kurzfristige experimentelle Eingriffe in den Kolonien (Abb. 8) untersuchten wir, nach welchem Muster die Harem-Nachfolgen geregelt werden. Über Ausschlussexperimente konnte gezeigt werden, dass periphere Männchen in Schlange warten, um Zugang zu bestimmten Harems zu erhalten. Die Notwendigkeit sich möglichst frühzeitig einer Schlange anzuschließen könnte zu männlicher Philopatrie in diesem Sozialsystem geführt haben.

4. Reproduktionsbiologie und Endokrinologie

Saccopteryx-Weibchen bringen pro Jahr nur ein Jungtier zur Welt. Die drei bis vierwöchige Paarungszeit liegt ca. ein halbes Jahr vor dem Geburtstermin. In Kooperation mit Prof. Dr. Franz Schwarzenberger von der Veterinärmedizinischen Universität Wien und PD Dr. Martin Dehnhard (IZW) untersuchen wir über Sexualhormonmetabolite im Kot von Saccopteryx bilineata die hormonellen Grundlagen der Reproduktion, sowie den Einfluss sozialer Faktoren auf die Endokrinologie.

 

1. Sackflügelfledermaus-Männchen; 2. Flughauttasche einer männlichen Sackflügelfledermaus;3. Männchen beim "Salting" mit geöffneter Flughauttasche; 4. Material für das Sammeln von Flughauttaschensekret; 5. beim Fangen; 6. Probenfläschchen mit Flughauttaschensekret; 7. Chromatogramm einer Duftprobe; 8. Eine Untersuchungskolonie in Costa Rica; 9. Männchen beim Schwirrflug vor einem Weibchen; 10. Herausnehmen der Fledermaus aus dem Netz

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 



 

 Nischenplastizität neotropischer Fledermäuse

Katja Rex, Dr. Christian Voigt

(finanziert über die DFG)

Das Projekt „Nischenplastizität neotropischer Fledermäuse“ befasst sich mit den Mechanismen des Zusammenlebens von Blattnasenfledermausarten. Die Familie der Blattnasenfledermäuse (Phyllostomidae) ist die zweitartenreichste Fledermausfamilie, obwohl sie nur in den neuweltlichen Tropen beheimatet ist. In den Neotropen findet man zahlreiche Gemeinschaften  von Blattnasenfledermäusen, die einen für Säugetiere außergewöhnlich hohen Artenreichtum aufweisen. Bislang ist wenig darüber bekannt, wie einzelne Arten sich in artenreichen Gemeinschaften einnischen und welche Mechanismen diesen hohen Artenreichtum aufrecht erhalten.

Vor diesem Hintergrund soll untersucht werden, ob Blattnasenfledermäuse ihre Nahrungsnische dem unterschiedlichen Artenreichtum im Habitat anpassen können. Dazu werden die Artengemeinschaften an drei Studienorten mit unterschiedlichem Artenreichtum miteinander verglichen. Konkret soll überprüft werden, ob die artspezifischen Nahrungsnischen in einer artenreichen Gemeinschaft stärker überlappen als in Gemeinschaften, in denen weniger Arten zusammenleben. Für die Arten, die in mehreren Studiengebieten vorkommen, werden innerartliche Vergleiche der Nahrungsnischen durchgeführt, um festzustellen, ob sich die Art an den veränderten Konkurrenzdruck durch eine Veränderung ihrer Nahrungsnische anpasst.

     

Vampyrodes carracioli                Fledermaus im Stoffbeutel                                          Chrotopterus auritus

 

Untersuchungsgebiete

Biologische Forschungsstation La Selva (LS), Costa Rica:

Dieses Untersuchungsgebiet liegt im karibischen Tieflandregenwald im Norden Costa Ricas ungefähr 10° nördlicher Breite. Die Fledermausgemeinschaft in diesem Gebiet ist seit Jahrzehnten eingehend untersucht worden und umfasst 72 Arten, wovon 48 zu den Blattnasenfledermäusen gehören. 

Tiputini Biodiversity Station (TBS), Ecuador:

Nur wenig südlich des Äquators im Amazonasregenwald Ecuadors liegt diese Forschungsstation in einem der artenreichsten Gebiete der Erde. Nach unseren bisherigen Forschungsergebnissen leben hier über 100 Fledermausarten, davon ca. 70 Blattnasenfledermäuse, in einer Artengemeinschaft zusammen. Ein genaues Inventar ist noch nicht erstellt, unsere Untersuchungen dauern daher noch an.

Podocarpus National Park (PNP), Ecuador:

Im Süden Ecuadors liegt der Podocarpus Nationalpark in Mitten der Anden. Unser Untersuchungsgebiet beschränkt sich auf den nahe des Rio Bombuscaro gelegenen Teil des Nationalparks, der auf ca. 1000m über Meereshöhe liegt.

Die genaue Zahl der Fledermausarten ist auch hier nicht bekannt, unseren Hochrechnungen zu Folge leben hier jedoch ca. 50 Fledermausarten zusammen, wovon 30 zu den  Blattnasenfledermäusen gehören.

Morphologie und stabile Isotope

Um die Nahrungsnischen der einzelnen Fledermausarten zu beschreiben, werden mehrere Parameter erfasst. Zum Einen handelt es sich dabei um morphologische Parameter wie Körpergröße, Gewicht, Flügelausmaße und Tragflächenbelastung. Weiterhin werden mit Hilfe von stabilen Isotopen die trophische Ebene und die räumliche Einnischung der Art bestimmt. Dazu werden jedem gefangenen Tier kleine Flughautproben entnommen, die im Massenspektrometer auf ihr Isotopenverhältnis hin untersucht werden.

Vermessung der Flügelmorphologie

 

Publikationen:

Rex K, Kelm D, Wiesner K, Matt F, Kunz TH, Voigt CC (in prep). How many species can coexist in Neotropical rainforest? Species richness and structure of phyllostomid bat assemblages

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i Als Gemeinschaft bezeichnet man alle Arten, die in einem Gebiet gemeinsam vorkommen.

 

 

 

 

 

 

Nahrungsökologie und Stoffwechselphysiologie phytophager Fledermäuse

Detlev H. Kelm, Christian C. Voigt

Bisherige Untersuchungen deuten darauf hin, dass neben der Körpermasse der Nahrungstypus entscheidend die Stoffwechselrate einer Tierart mitbeeinflusst. Der genaue Zusammenhang zwischen Nahrung und Stoffwechselrate ist allerdings bislang unverstanden.

Innerhalb der Säugetiere bieten Fledermäuse aus der neotropischen Familie der Blattnasenfledermäuse (Phyllostomidae) eine ideale Modellgruppe, um diese Fragestellung zu untersuchen. In dieser artenreichen Familie gibt es nahverwandte Arten mit sehr unterschiedlicher Ernährungsweise, wie zum Beispiel karnivore, insektivore, piscivore, phytophage, bis hin zu bluttrinkende Arten.

Um herauszufinden, welche Faktoren die artspezifische Stoffwechselrate beeinflussen, untersuchen wir mit Hilfe von Freilanduntersuchungen, Fütterexperimenten und Labormessungen den Einfluss der Ernährungsweise auf den Verdauungsapparat, die Aktivitätsrhythmik und die Energieumsatzraten einer phytophagen Fledermausart. Hierbei interessiert uns insbesondere, ob und wie die jeweilige Fouragierweise den Stoffwechsel beeinflusst. Unsere Untersuchung konzentriert sich auf die Art Glossophaga commissarisi, die sich saisonal von Früchten oder Nektar ernährt (Abb. 1 und 2).

             

Abb.1: Glossophaga commissarisi an Piper auritum fressend        Abb.2: Glossophaga commissarisi an Werauhia gladioliflora Nektar trinkend

 

Finanziert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (Vo 890/10)

 

 

 

 

Die Bedeutung von Duftstoffen bei der Partnerwahl und für die Sozialstruktur
von Noctilio albiventris, der kleinen Hasenmaulfledermaus

Dina Dechmann, Christian C. Voigt

Elementares, aber oftmals unterschätztes Kommunikationsmittel für das Gruppenleben und die Partnerwahl bei Säugetieren sind Düfte. Im Noctilio-Projekt möchten wir die Mechanismen des Gruppenlebens und die Bedeutung chemischer Signale für Gruppenjagd und Paarungssystem exemplarisch an einer, in diesem Zusammenhang interessanten Art untersuchen. N. albiventris - die kleine Hasenmaulfledermaus - besitzt zwei Duftorgane ohne Drüsenepithel: Das Subaxialorgan und das sexualdimorphe Inguinalorgan. Das Subaxialorgan entsteht vermutlich dadurch, dass sich die Weibchen, welche in kleinen stabilen Gruppen leben, durch Reiben gegenseitig Gesichtsdrüsensekrete in der Axialregion deponieren. Dies dient der Herstellung eines Gruppenduftes der hilft, gruppenfremde Individuen von den Vorteilen der Gruppenjagd auszuschliessen. Das Inguinalorgan der Männchen wird hingegen vermutlich bei der Balz eingesetzt und steht somit vermutlich unter sexueller Selektion.

Mit Hilfe automatischer Telemetrie, molekulargenetischen Verwandtschaftsanalysen sowie bakteriologischen und chemischen Analysen untersuchen wir die Mechanismen und genetische Konsequenzen der Gruppenjagd sowie die Evolution der zwei Duftorgane. Das Projekt ist eine multidisziplinäre Kooperation zwischen Verhaltensbiologen, Mikrobiologen, Genetikern und Chemikern, die meisten davon im Haus am IZW. Das Projekt trägt dazu bei, die Rolle von Bakterien bei der Bildung sozialrelevanter Düfte zu verstehen, unser Verständnis vom Gruppenleben der Säugetiere zu erweitern und die Rolle von Düften für die inter- und intrasexuelle Kommunikation exemplarisch bei einer Säugetierart zu beleuchten.