|
Das Geparden-Projekt in Namibia
Transdisziplinäre Forschung
auf kommerziellem Farmland
(Haupt-Finanzierung: Messerli-Stiftung)

Gepard (Acinonyx jubatus)
Namibia beherbergt die weltweit größte freilebende Gepardenpopulation,
wobei die meisten Geparde auf Farmland leben. Die Farmer betreiben
Viehwirtschaft oder sind als Jagdführer tätig, und Konflikte zwischen
Farmern und Geparden sind seit langem bekannt. Konflikte entstehen,
wenn Geparde Nutzvieh oder für Farmer wertvolles Jagdwild erbeuten.
Um Lösungen für diese Konflikte zu finden, müssen Fragen beantwortet
werden, die Farmer über Geparde haben und von denen sie denken,
dass sie in der Vergangenheit nicht ausreichend beantwortet worden
sind. Der transdisziplinäre Forschungsansatz mit den Farmern und
der enge Kontakt zu ihnen sollen sicherstellen, dass das Projekt
Antworten auf ihre Fragen findet und dadurch auch unser Verständnis
für die Geparde erhöht wird. Neben anthropogenen Einwirkungen, die
freilebende Gepardenpopulationen bedrohen, wird auch die genetisch
geringe Varianz der Geparde als Grund für den bedrohten Status dieser
Spezies gesehen.
Wir untersuchen das Ausmaß des Konfliktes zwischen Farmern und
Geparden, sowie die biologischen Grundlagen der Verhaltensökologie,
der Fortpflanzungsbiologie und des Gesundheitsstatus für einen nachhaltigen
Schutz der größten Freilandpopulation von Geparden. Dabei bestimmen
wir das Nahrungsspektrum der Geparde, sowie ihre Habitatnutzung
und Aktivität, und evaluieren den reproduktiven Gesundheitszustand
der Geparde, die Spermienqualität der Männchen und die Überlebensrate
der Jungtiere. Zudem untersuchen wir Todesursachen, sowie Krankheiten
und deren Übertragungswege bei Geparden. Wir bestimmen auch die
genetische Variabilität, die Vaterschaften und die Hormonwerte der
Geparde. Viele unserer Untersuchungen werden als Vergleichsstudien
mit in Gefangenschaft gehaltenen Geparden durchgeführt. Dabei handelt
es sich um Tiere, die in ihrer natürlichen Umgebung in großen Gehegen
auf namibischem Farmland gehalten werden.
Dieses Projekt in Namibia beschäftigt
sich mit folgenden Themen:
1. Verhaltensökologie 2.
Reproduktion 3. Gesundheitsstatus
und Mortalitätsursachen 4. Endokrinologie 5.
Genetik und Paarungssystem 6.
Naturschutz durch Integration
der lokalen Bevölkerung
Projektmitglieder
1. Verhaltensökolgie
Das
Untersuchungsgebiet liegt östlich und nordöstlich der namibischen
Hauptstadt Windhoek auf kommerziellem Farmland und besteht überwiegend
aus Dornbuschsavanne (Abb. 1). Geparde sind in diesem Gebiet die
am häufigsten vorkommenden großen Raubtiere. Löwen und Tüpfelhyänen,
die wichtigsten Konkurrenten der Geparde, wurden vor mehreren Jahrzehnten
eliminiert.
Abb.1
Um Geparde zu untersuchen und mit VHF- oder GPS-Halsbändern
zu versehen, werden sie in Kastenfallen gefangen. Diese Fallen werden
vor Bäume gestellt, die Geparde als Markierungsbäume nutzen und
daher regelmäßig von ihnen besucht werden. Von der Falle aus wird
ein Kreis aus Dornenbüschen um den Baum gelegt, so dass der einzige
Weg zum Baum durch die Falle führt (Abb. 2).
Abb.2
Wenn Geparde Gefangen werden, werden sie immobilisiert, untersucht
und mit einem VHF- oder GPS-Halsband versehen (Abb.3). Während die
geographische Position der Geparde mit VHF-Halsbändern nur bei der
Ortung der Tiere bestimmt werden kann, speichern die GPS-Halsbänder
mehrere Positionen am Tag, sowie fortlaufend die Aktivität der Tiere.
Abb.3
Die mit VHF- und GPS-Halsbändern versehenen Geparde werden sowohl
vom Boden als auch aus der Luft (Abb. 4) lokalisiert. Gespeicherte
Daten der GPS-Halsbänder werden dabei heruntergeladen. Aufgrund
der Ortungsdaten werden mittels GIS die Streifgebiete der einzelnen
Geparde bestimmt, sowie die Gebiets-Überlappungen. In Zusammenarbeit
mit Dr. A. Berger (IZW) werden zudem die Tages-Aktivitätsmuster
der Geparde bestimmt.
Abb.4
Geparde besitzen Streifgebiete von mehreren Hundert bis Tausend
km2, die mehrere Farmen umfassen (Abb. 5, schwarze Linien: Farmgrenzen,
farbige Linien: Streifgebiete verschiedener Geparde). Die Positionen
der Geparde werden mit Vegetationskarten verschnitten, die in Zusammenarbeit
mit Prof. F. Siegert (Ludwig-Maximilians Universität München, Deutschland)
mittels Fernerkundung angefertigt werden. Damit lässt sich erkennen,
in welchen Vegetationstypen sich Geparde vorwiegend aufhalten.
Abb.5
 Das Nahrungsspektrum der Geparde wird hauptsächlich mit zwei
Methoden bestimmt. Zum einen werden unverdaute Beutetierhaare im Gepardenkot identifiziert.
Hierfür werden von den aus Gepardenkot isolierten Beutetierhaaren
Negativabdrucke hergestellt, in denen die für jede Beutetierart
charakteristischen schuppenförmigen kernlosen Zellen der Epidermicula
sichtbar werden (Abb. 6). Diese "Imprints" werden mit Referenzhaaren
von potentiellen Beutetierarten verglichen.
Abb.6
Zum anderen wird in Zusammenarbeit mit Dr. C. Voigt (IZW) mittels
Isotopenanalysen auf die Nahrung der Geparde geschlossen. Hierfür
wird das Verhältnis von schweren zu leichten Kohlenstoffisotopen
(12C:13C) und leichten zu schweren Stickstoffisotopen
(14N:15N) in verschiedensten Beutetieren bestimmt und mit dem entsprechenden Verhältnis in
Geparden verglichen (Abb. 7). Da sich Isotope der Nahrungskette folgend in
jeder trophischen Stufe anreichern, ist es möglich, aufgrund der
Isotopenwerte Anhaltspunkte über die Nahrungszusammensetzung der
Geparde zu bekommen.
Bisherige Resultate zeigen, dass Nutzvieh und für Farmer wertvolles
Jagdwild nur einen geringen Prozentsatz der Nahrunszusammensetzung
ausmacht. Um Nahrungspräferenzen der Geparde zu bestimmen, wird das Nahrungsangebot
im Freiland erfasst. Das Wildtier-Angebot wird mittels
Transektenzählungen bestimmt, das Nutztier-Angebot durch standardisierte
Befragungen von Farmern.
2. Reproduktion
Frühere Studien an gefangenen Geparden deuten auf eine eingeschränkte
Fertilität bei Weibchen hin. Der niedrige Zuchterfolg in Zoos wurde
als Konsequenz des genetischen Monomorphismus der Art und/oder mit
ungeeigneten Haltungsbedingungen begründet. Um herauszufinden, ob
die eingeschränkte Fertilität in Zoos eher genetisch oder durch
die Gefangenschaft selbst bedingt ist, werden in dieser Studie die
Reproduktionsstadien von freilebenden Gepardenweibchen mit denen
auf namibischem Farmland gehaltenen Weibchen verglichen. Die Reproduktionsgesundheit
der Geparde wird mit ultrasono-graphischen Untersuchungen an immobilisierten
Tieren ermittelt (Abb. 8). Anhand der Ultraschallaufnahmen werden in Zusammenarbeit
mit Dr. R. Hermes (IZW) und Dr. T. Hildebrandt (IZW) die Weibchen verschiedenen Reproduktionsstadien
zugeordnet und eventuell vorhandene Pathologien der Reproduktionsorgane
beschrieben. Unsere Resultate zeigen, dass die Reproduktionsorgane
aller frei lebender Weibchen in reproduktiv aktiven Stadien sind,
während die Organe auf Farmland gehaltener Weibchen oft reproduktiv
inaktiv sind. Das zeigt, dass nicht der genetische Monomorphismus
die Urasache der niedrigen Zuchterfolge in Gefangenschaft ist, sondern
andere Faktoren.
Abb.8
Immobilisierte Männchen werden elektro-ejakuliert und die Ejakulate
auf Spermien-Konzentration und -Motilität, sowie auf den Anteil
abnormal geformter Spermien untersucht (Abb. 9). Die von Zoo-Geparden und
freilebenden ostafrikanischen Geparden bekannten hohen Anteile an
abnormal geformten Spermien wurden in früheren Studien auf den genetischen
Monomorphismus der Art zurückgeführt. In dieser Studie wird die
Spermienqualität von freilebenden und auf namibischem Farmland gehaltenen
Männchen bestimmt und miteinander verglichen. Zudem wird untersucht,
welche Faktoren einen Einfluss auf die Spermienqualität haben könnten.
Die Reproduktionsorgane von frei lebenden und gefangenen Männchen
werden mittels Ultraschall untersucht und vermessen, um eventuelle
Unterschiede festzustellen.
Jungtiere werden vom Boden oder der Luft aus bei der Ortung eines
besenderten Weibchens gesichtet (Abb. 10). Während der darauf folgenden Flugtelemetrien
wird mit der geringmöglichsten Störung versucht, die Jungtiere regelmäßig
zu sichten und zu zählen, um die Überlebenswahrscheinlichkeiten
und –raten zu bestimmen. Bisherige Resultate zeigen, dass auf namibischem
Farmland mehr Jungtiere das Erwachsenenalter erreichen als in ostafrikanischen
Nationsparks, wo Löwen und Tüpfehyänen noch in großen Zahlen vorkommen.
Abb.10
3. Gesundheitsstatus und Mortalitätsursachen
Bei immobilisierten Geparden werden der Ernährungszustand und
die allgemeine körperlichen Verfassung bestimmt. Ultraschalluntersuchungen
der Organe geben zusätzlichen Aufschluss über den Gesundheitsstatus
der Tiere. Für spätere Analysen werden von immobilisierten Tieren diverse
Proben genommen, darunter Blut-, Kot- und Haarproben (Abb. 11).
Unsere Resultate zeigen, dass der Gesundheitszustand aller Tiere
gut war und keines der Tiere krankheitsbedingte Symptome aufwies.
Analoge Untersuchunge und Probennahmen werden auch bei anderen Karnivoren
gemacht, sowie bei Haus- und Nutztieren, um auch deren Gesundheitszustand
zu bestimmen und mögliche Krankheitsüberträger zu identifizieren.
Abb.
11
Tot gefundene Geparde werden vor Ort seziert, um die jeweiligen
Todesursachen zu bestimmen und um Proben für spätere Analysen im
Labor zu sammeln. Von Farmern als Trophäen oder Problemtiere geschossene
und gemeldete Geparde werden ebenfalls seziert und beprobt. Die
Proben werden in Kooperation mit Dr. N. Robert (Vetsuisse-Fakultät
Universität Bern, Schweiz) und Dr. G. Wibbelt (IZW) histopathologisch
analysiert.
In Zusammenarbeit mit Prof.
H. Lutz (Vetsuisse-Fakultät Universität Zürich, Schweiz) und Dr. T. Müller
(Friedrich-Löffler-Institut Wusterhausen, Deutschland) werden Blutproben von
freilebenden und gefangenen namibischen Geparden auf Antikörper und
Antigene von für Wildfeliden relevante Viren getestet (Abb. 12).
Unsere Resultate zeigen, dass die gemessenen Seroprävalenzen für
alle getesteten Viren bei nur wenigen Prozenten liegen.
Abb. 12
4. Endokrinologie
Blut-
und Kotproben der Geparde werden genutzt, um die Glucocorticoide
("Stresshormone") und Sexualsteroide ("Geschlechtshormone")
zu messen. Dabei sind die Glucocorticoide von besonderer Bedeutung,
da nicht geklärt ist, ob Stress ein Grund für die Fortpflanzungsprobleme
bei Geparden in Zoos sein könnte. Da es nicht möglich ist, stress-frei
Blut von Geparden zu erhalten und sich Stress innerhalb weniger
Minuten im Blut widerspiegelt, werden die Glucocorticoide im Kot
von Geparden gemessen, die in die Fallen gegangen sind. Im Kot sind
die abgebauten Hormone (Cortisol-Metabolite) messbar, die eine Information
über den "Stresszustand" der letzten ein bis zwei Tage
geben, also vor dem Falleneintritt. Vergleichsproben werden auch
von auf Farmland gehaltenen Geparden gesammelt. Die Analysen werden
in Zusammenarbeit mit Dr.M. Dehnhard (IZW) durchgeführt.
Abb.
13
Glucocorticoide und Sexualsteroide werden auch im Zusammenhang
mit der Reproduktionsbiologie der Gepardenmännchen untersucht. Cortisol
kann einen negativen Einfluss auf die Spermatogenese haben und es
wird daher getestet, ob Männchen mit den wenigsten abnormal geformten
Spermien die niedristen Cortisolwerte haben. Zudem wird untersucht,
ob die Spermienmorphologie mit den Testosteronwerten zusammenhängt.
5. Genetik und Paarungssystem
In den 80er und 90er Jahren wurde in mehreren Studien die geringe
genetische Variabilität der Geparde festgestellt und als Ursache
für den geringen Fortpflanzungserfolg, die hohe Jungensterblich
und die hohe Krankheitsanfälligkeit der Geparde in Zoos gesehen.. Seit dieser Zeit
haben sich die molekularbiologischen Methoden erheblich verbessert,
so dass diesbezüglich genauere Analysen durchgeführt werden können.
Wir konzentrieren uns dabei auf den Major Histocompatibility Complex
(MHC), der bei der Immunantwort von Organismen auf Krankheitserreger eine bedeutende
Rolle spielt (Abb. 14). In Zusammenarbeit mit Dr. S. Sommer (IZW) wird die genetische Variabilität
des MHC's bestimmt und mit unseren Resultaten des Gesundheitsstatus
und der Erkrankungen in Verbindung gesetzt.
Abb.
14
Mittels verschiedener Mikrosatelliten werden die genetischen
Profile der Jungtiere und ihrer Mütter, sowie der Männchen im Untersuchungsgebiet
ermittelt, um die Väter der Jungen bestimmen zu können. Reproduktionsparameter wie Organgrößen und Spermienqualität von
Männchen, die Junge gezeugt haben, sowie ökologische Faktoren ihrer
Streifgebiete wie Lage und Größe des Gebiets werden ermittelt,
um Faktoren zu bestimmen, die für den Reproduktionserfolg relevant
sein könnten.
6. Naturschutz durch Integration der lokalen Bevölkerung
Ausbau
und Aufrechterhaltung der engen Kontakte mit den Farmern ist wichtiger
Bestandteil des Projektes. Das regelmäßige Vorstellen der Projekt-Resultate bei Farmersitzungen
(Abb. 15),
sowie die Rücksprache mit Farmern bei allen Projektschritten haben
sich als sehr positiv und konstruktiv für die Arbeit vor Ort erwiesen.
Bei diesen Gelegenheiten erhält die Studie auch neuen Input der
Farmer und kann weitere Fragen aufnehmen.
Abb.
15
Farmer mit ihren Familien und Gästen werden regelmäßig dazu eingeladen,
bei den Untersuchungen der Geparde dabei zu sein, was gern angenommen
wird (Abb. 16). Dadurch erhält die Projektarbeit einen hohen didaktischen
Stellenwert, der als Grundlage einer langsamen aber stetigen Haltungsänderung
gegenüber den Geparden dienen kann.
Abb.
16
Es besteht eine enge Kooperation zwischen dem Projekt und der
Fachhochschule (Polytechnic) in der namibischen Hauptstadt Windhoek.
Sie besteht in der Mithilfe namibischer StudentInnen bei der Feldarbeit
und der konzeptionellen und methodischen Ausbildung naturschutzrelevanter
Fragen dieser StudentInnen (Abb. 17). Ziel ist es, lokalen StudentInnen eine
Grundlage für angewandten Naturschutz in ihrem Land zu geben, um
die praktischen Probleme in der Umsetzung kompetent und mit Hilfe
eines wissenschaftlichen Ansatzes angehen zu können.
Abb.
17
Projektmitglieder
Projektleitung: Dr.
Bettina Wachter
DoktorandInnen: Jörg
Melzheimer (Thema: Nahrungsökologie und Habitatnutzung) Annika
Krengel (Thema: Endokrinologie und Gesundheitsstatus)
Assistentin: Kerstin
Wilhelm
|