Forschungsgruppe 2: Evolutionsgenetik
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Themen und Projekte : Evolutionsgenetik

 

 

I. Gene, Gesundheit & Sex: Bedeutung der Variabilität von Immungenen (MHC, Major Histocompatibility Complex) in der Evolutionsbiologie, Verhaltensökologie und im Artenschutz (Leitung Prof. Dr. S. Sommer)

Der MHC (Haupthistokompatibilitätskomplex) ist ein Paradigma für adaptive Evolution und ein exzellentes System, um vielfältige theoretische Aspekte der Evolutionsbiologie und evolutionsrelevanter Ökologie zu überprüfen. Neben Aufgaben in der Resistenz gegen Pathogene und Parasiten werden Genprodukten des MHCs auch Funktionen in der olfaktorischen Kommunikation und Verwandtschaftserkennung, Partnerwahl und damit Inzuchtvermeidung zugeschrieben. Da der hohe Polymorphismus des MHCs durch Selektionsmechanismen aufrecht erhalten wird und in die Immunantwort involviert ist, zeigen MHC-Loci Variationsmuster, die nicht nur Einblick in die adaptive genetische Variation von Arten vermitteln, sondern auch adaptive Unterschiede zwischen Populationen dokumentieren und vergangene selektive Ereignisse widerspiegeln können. In vergleichenden Analysen selektionsneutraler Marker und Genen des Immunkomplexes untersuchen wir deren Bedeutung in der Parasitenresistenz und Partnerwahl, die zugrunde liegenden Selektionsmechanismen, sowie die Auswirkungen von Fragmentierung.- und Degradierungsprozessen auf Populationsgenetik und Fitnessparameter in diversen Säugetierarten unter natürlichen Selektionsbedingungen.

Laufende Projekte (Details)

  •  Schutz der Biodiversität in fragmentierten Landschaften des Atlantischen Plateaus von Sao Paulo - Konsequenzen von Habitatfragmentierung auf die Populationsstruktur, genetische Diversität und Parasitenresistenz von Kleinsäugern des brasilianischen Küstenregenwaldes (Mata Atlântica) (BMBF, BIOCAPSP).
  • Infektionskrankheiten – Selektion und Wirt-Pathogen Koevolution
  • Einfluss unterschiedlicher Landnutzung auf Parasitenbelastung und Variabilität von Immungenen (MHC) - Untersuchungen am Beispiel ausgewählter Kleinsäugerarten entlang eines Niederschlagsgradienten im südlichen Afrika.
  • Genetische Variabilität und Immunstatus afrikanischer Raubtiere.
  • MHC-Diversität neotropischer Fledermäuse.
  • Gene, Sex & Gesundheit: Effekte von Sozialsystem und Partnerwahl auf die genetische Konstitution und Parasitenbelastung - Untersuchungen zu den Konsequenzen der Damenwahl am Beispiel zweier Lemurenarten (Microcebus murinus, Cheirogaleus medius).

 

II. Adaptationsgetriebene Differenzierung/Spezitation und Naturschutz (Leitung Dr. J. Fickel)

Viele Arten existieren als Gruppe räumlich voneinander getrennter Populationen (Metapopulation), die in der Regel unterschiedlichen Umweltbedingungen (Selektionsdrücken) ausgesetzt sind. Der beschränkte genetische Austausch führt im Laufe der Zeit zu genetischen Unterschieden zwischen diesen Einzelpopulationen, die bis zur Artbildung (Spezitation) führen können. Wir untersuchen die Prozesse, die für die Entstehung und räumliche Verteilung dieser genetischen Unterschiede verantwortlich sind. Dies geschieht durch Rekonstruktion bestimmter Gen-(Gengruppen)Bäume in den Einzelpopulationen unter Berücksichtigung deren geographischer Verteilung in Gegenwart und Vergangenheit und im Kontext der Gesamtpopulation. So können Ereignisse wie Populationsexpansionen, demographische Flaschenhälse, Vikarianz, Migration, sowie die resultierende unterschiedliche lokale Umwelt- und Ernährungsadaptation und Pathogenexposition untersucht, und deren Anteil auf die gegenwärtige genetische Struktur von Populationen ermittelt werden.

Laufende Projekte (Details)

    1.   Populationsdifferenzierung/ Spezitation und Artenschutz

    • Phylogeografie, Radiation und Hybridisierung bei Tieren mit kurzer (Hasen- und Hirschartige) und langer Generationszeit (Asiatischer Elefant).
    • Pre- und post-pleistozäne Kladogenese beim Europäischen Feldhasen (Lepus europaeus) in Relation zu Umwelt(Klima-)veränderungen.
    • Nicht-invasive Probennahme zur Bestimmung von Spezieszugehörigkeit, genetischer Populationsstruktur and räumlicher Verteilung von forstwirtschaftlich (Wildschwein, Sus scrofa) und naturschutzrelevanten Säugern (Eurasischer Otter, Lutra lutra).

    2.   Evolution adaptiver Eigenschaften in Herbivoren

    • Adaptation an pflanzliche anti-nutritive Komponenten (Tannine und prolinreiche Proteine).
    • Saisonalität und Regulation der Spermatogenese (Regulation der Wachstumsfaktorrezeptoren-Genexpression beim Reh (Capreolus capreolus).

    3.   Evolution von Wirt-Pathogen-Interaktionen

    • Molekularbiologie und Epidemiologie wildtierrelevanter Pathogene (z.B. endotheliotropes Elefanten-Herpesvirus EEHV, Europäisches-Feldhasen-Syndrom-Virus EBHSV)
    • Transmission von Haustierpathogenen auf Wildtiere (z.B. Staupe, Streptococcus-Infektionen)

 

III. Selektion und Anpassung (Leitung PD Dr. A. Ludwig)

Ich interessiere mich für ein weites Spektrum wissenschaftlicher Fragestellungen. Obwohl einzelne Arten oder Methoden dabei von untergeordneter Bedeutung sind, ist meine Forschung auf Evolutionsbiologie und Artenschutz fokussiert mit der Genetik als verbindendes Element zwischen beiden Fachgebieten. In den letzten Jahren bildete die Analyse alter (fossiler) DNA einen wichtigen Schwerpunkt meiner Forschung. Die Analyse archäologischer Proben ermöglicht einen Blick in die Vergangenheit von Arten und Ökosystemen und gibt damit wertvolle Hinweise zur Interpretation der rezenten Biodiversität sowie zum Schutz bedrohter Arten. Eine bessere Anpassung an sich verändernde Klimabedingungen im Ostseeraum begünstigte zum Beispiel eine transatlantische Kolonisierung nordamerikanischer Störe (Acipenser oxyrinchus). Interessanterweise gründeten weniger als 20 Individuen innerhalb weniger Jahrzehnte eine eigenständige Population während des frühen Mittelalters. Dabei verdrängten sie nahezu vollständig ihre europäische Schwesterart (A. sturio) aus der Ostsee. Heute widmen sich die Gesellschaft zur Rettung des Störs und unser Partnerinstitut für Gewässerökologie und Binnenfischerei ihrer Wiederansiedlung in deutschen Gewässern. Unsere Haustiere sind weitere exzellente Modelle für Selektionsforschung. Die Domestikation ihrer Stammarten veränderte die Geno- und Phänotypenstrukturen innerhalb sehr kurzer Zeit in einer sehr nachhaltigen Art und Weise. Schon nach wenigen Generationen unter dem Einfluss gezielter Zucht stieg die phänotypische Variabilität sprunghaft an. Diese Veränderungen werden in einem Projekt zur Domestikation des Pferdes sowohl auf phänotypischer als auch genotypischer Ebene adressiert. Das Projekt fokussiert auf die Fellfarben von Wildpferden vor der Domestikation und Zunahme der Farbvariabilität unmittelbar am Beginn der Überführung in den Haustierstand (Bronze- bis Eisenzeit). Meine Hoffung ist, dass die aus diesen Projekten gewonnenen Kenntnisse zu natürlichen und artifiziellen Umformungen von Genotypen, Populationen, Arten und letztlich ganzer Ökosysteme unser generelles Verständnis von Evolution und Artenschutz voranbringen wird.

Wichtige Projekte (Details):

  • Wiederansiedlung des Störs
  • Domestikation des Pferdes