Forschungsgruppe 4: Reproduktionsbiologie
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Verständliche Wissenschaft : Reproduktionsmonitoring

 

Unter Reproduktionsmonitoring versteht man traditionell die Messung von Hormonen, die die Fortpflanzung (Reproduktion) von Tieren regulieren. Diese Hormone werden von speziellen Organen des Körpers gebildet, wie z.B.von den Keimdrüsen (auch Gonaden genannt), und in das Blut abgegeben. Über den Blutkreislauf erreichen die Hormone das sogenannte Erfolgsorgan, wo sie Ihre Wirkung entfalten. Dabei ist die Steuerung der Fortpflanzung unabdingbar mit den Hormonen gekoppelt. Durch die Messung der Konzentration dieser reproduktionssteuernden Hormone im Blut im zeitlichen Verlauf (Messungen über einen Zeitraum von Tagen und Wochen) kann man Rückschlüsse auf die Reproduktionsaktivitäten weiblicher und männlicher Tiere ziehen. Beim weiblichen Tier wird dazu das im Gelbkörper des Ovars gebildete Progesteron gemessen. Dieser Gelbkörper wird in periodischen Abständen aufgelöst (Luteolyse) sofern keine Trächtigkeit vorliegt. Es kommt anschliessend in einer Phase niedriger Progesteronkonzentrationen (Follikelphase) zu einem Eisprung (Ovulation). Nur in der Zeit um die Ovulation ist ein weibliches Tier paarungsbereit. Anschliessend erfolgt eine Neubildung des Gelbkörpers. Der Gelbkörper bleibt erhalten, wenn das Tier trächtig ist. Wenn nicht, kommt es erneut zu einer Luteolyse. Der Abstand zwischen den einzelnen Ovulationen ist die Zykluslänge. Sie kann folglich aus dem periodischen Verlauf der Progesteronkonzentrationen abgeleitet werden.

Von Interesse für den Zoo- und Wiltierbiologen sind auch Messverfahren, mit denen sich Stressereignisse in Tieren nachweisen lassen. Als Reaktion auf einen Stress bildet die Nebenniere das Hormon Cortisol, welches unter anderem die Funktion hat, Energie zu mobilisieren. Durch die Messung von Cortisol kann z.B. der belastende Einfluss (Stress) eines möglicherweise unumgänglichen Transportes von einem Zoo zu einem anderen auf das Individuum festgestellt werden. Ein hoher Cortisolgehalt ist nicht vorbehaltlos mit Stress gleichzusetzen, da das Hormon auch wichtige Stoffwechselfunktionen hat (z.B. im Hungerzustand extrem ansteigt). Da eine Blutentnahme am Tier (mit dem notwendigem Einfangen, Festhalten oder Narkose) ein Stressereignis darstellt, ist es fast unmöglich Blutproben ohne Stress für das Tier zu bekommen. Deshalb gewinnen sogenannte nicht-invasive Verfahren, bei denen mit dem Urin oder Kot abgegebene Abbauprodukte der Hormone analysiert werden, zunehmend an Bedeutung. Ingesamt ist die Messung von Hormonen im Blut oder ihren Abbauprodukten für folgende Fragestellungen von eminenter Wichtigkeit

  • Untersuchung des saisonalen Reproduktionsverhaltens. Ein Vergleich unter den Säugetierarten ergibt extreme Unterschiede, einige typische Profile sind in der Abbildung schematisch dargestellt. Es gibt Tierarten, die sich das ganze Jahr über reproduzieren (asaisonal polyöstrisch), wie z.B. die Elefanten. Andere zeigen ein saisonales Muster der Reproduktionsaktivitäten, wie das Przewalskipferd, welches die Wintermonate ausspart. Das einheimische Wildschwein verlegt seine Reproduktionsaktivitäten in die Wintermonate, mit einer möglichen zweiten Phase im Frühsommer.
    Extreme Beispiele mit nur einer einzigen kurzen Reproduktionsphase im Sommer bzw. im Frühjahr sind die sogenannten saisonal monöstrischen Spezies Reh und Panda. Hier gibt es nur eine Chance im Jahr zur erfolgreichen Reproduktion. Alle Stategien dienen dazu, die Geburten der Jungtiere nach sehr unterschiedlichen Trächtigkeitsdauern in eine Jahreszeit zu verlegen, die hohe Überlebenschancen für die Jungtiere bietet, vor allem eine optimale Verfügbarkeit an Futter.

Beispiele für Forschungsprojekte zum nicht-invasiven Monitoring von Hormonen:
(siehe auch: Reh-Projekt, Elefanten-Projekt, und Panda-Projekt)

  • Feststellung der Zykluslänge der weiblichen Tiere einer Art. Sie ist extrem variabel und umfasst eine Zeitspanne von wenigen Tagen bei Kleinsäugern (Ratten, Mäuse) bis hin zu 16 Wochen (Elefant).

  • Die Reproduktionsaktivitäten der männlichen Tiere einer Art sind in der Regel zeitlich parallel zu den weiblichen Tieren saisonal ausgeprägt. Für die Beurteilung der männlichen Reproduktionsfunktionen wird das Hodenhormon Testosteron oder seine Abbauprodukte in Urin oder Kot gemessen.

  • Nicht immer liegt bei weiblichen Zootieren die oben gezeigte zyklische Ovaraktivität vor, z.B. bei jungen noch nicht reproduktionsfähigen (präpuberalen) weiblichen Tieren. Es können auch bei erwachsenen Tieren krankhafte Störungen oder eine Fehlregulationen der Reproduktionsfunktionen auftreten. Das Erkennen solcher Störungen ist oftmals nur durch Messung der Hormone möglich. Ein dauernd niedriger Progesterongehalt bei einem erwachsenen weiblichen Tier kann durch eine sogenannte Follikelcyste verursacht werden, durch die die Anbildung eines Gelbkörpers ausbleibt und somit keine zyklische Reproduktionsaktivität möglich ist.

  • Liegen derartige Störungen vor, kann durch Gabe von entsprechenden stimulierenden Präparaten versucht werden, die Reproduktionsaktivität wiederherzustellen (therapeutische Massnahmen). Ob dies gelingt, kann nur durch die Messung der Hormone beurteilt werden.

  • Viele männliche Zootiere zeigen kein sexuelles Interesse an den weiblichen Tieren, sodass eine natürliche Paarung als Voraussetzung für Nachkommen ausbleibt. Hier bietet sich für den Zootierarzt die Möglichkeit der künstlichen Besamung, bei dem Sperma männlicher Tiere in den Uterus der Weibchen verbracht wird. Um den richtigen Zeitpunkt für diese sogenannte assistierte Reproduktion herauszufinden, ist die Kenntnis des Hormonverlaufes unbedingt notwendig, denn diese aufwendige und teure Prozedur ist nur um den Zeitpunkt des Eisprunges erfolgversprechend.

  • Einige Zootierarten wie z.B. Braunbären vermehren sich in Gefangenschaft sehr gut, sodass in Zoos und Tierparks ein "Überschuss" an Tieren herrscht. Um die Kastration der männlichen Tiere zu vermeiden, bietet sich als schonende Alternative die "Anti-Baby-Pille" für die weiblichen Tiere an. Indem in das komplizierte System der Reproduktionssteuerung durch Gabe von gegensteuernden Hormonen eingegriffen wird, ist eine Hemmung der zyklischen Ovaraktivität erwünscht. Ob die ganze Massnahme erfolgreich war, ist durch Hormonmessungen festzustellen. In diesem Falle wird dann sehnlichst gewünscht, keinen der in der Abbildung gezeigten Verläufe nachweisen zu können.

  • Ein noch mehr vom Wunschdenken der Wissenschaftler beherrschtes Gebiet ist der Nachweis von Stress bei Zootieren. Derzeit arbeiten Wissenschaftler mit Hochdruck daran, Verfahren zu entwickeln, mit denen die Stressbelastung ohne Störung der Tiere gezeigt werden kann. Die Bearbeitung dieser Fragestellungen kann in den seltensten Fällen anhand einzelner Blutproben erfolgen. Vielmehr ist die häufige Entnahme von Blutproben notwendig, insbesondere dann, wenn Hormonverläufe dargestellt werden sollen. Diese analytisch/endokrinen Interessen des Wissenschaftlers stehen im Gegensatz zu denen des Wildtieres, welches wenig Bereitschaft zur freiwilligen Blutspende zeigt. Blutproben können folglich nur nach Ruhigstellen oder Narkose mit Medikamenten genommen werden, was mit Gefahren für Tier und Tierarzt verbunden ist. Einen Ausweg aus diesen Dilemma zeigen die bereits erwähnten, sogenannten "nicht-invasiven Verfahren" auf, bei denen die Hormonabbauprodukte in Kot oder Urin gemessen werden.