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Forschungsauftrag
EVitA - das Forschungsprogramm des IZW
Erforschung der Vitalität und Anpassungsfähigkeit von Wildtierpopulationen
bei Tierarten von herausragendem ökologischen Interesse im Spannungsfeld
Tier - Mensch
1. Anpassungen: Aufklärung evolutionsökologischer Phänomene und Analyse des Anpassungswertes von Merkmalen in der
Lebensgeschichte von Wildtieren
Wildtiere haben im Verlauf der Evolution
viele Anpassungen entwickelt, die aufgrund ihrer Komplexität häufig
wenig verstanden sind. Diese Anpassungen können jedoch maßgeblich
über die Anfälligkeit einer Wildtierartgegenüber direkten und indirekten
anthropogenen Herausforderungen wie zum Beispiel klimatischen Veränderungen
entscheiden. Das Leistungsziel Anpassungen im Forschungsprogramm
EVitA konzentriert sich deshalb auf die Analyse von Strategien der
Reproduktion, der Ernährung, des Sozialverhaltens und der Auseinandersetzung
mit Krankheitserregern sowie ihrer genetischen Grundlagen und Konsequenzen.
Ausgangspunkt ist der theoretische Ansatz, dass Adaptationen
das Ergebnis von Selektionsdrücken sind, die oft durch bedeutsame
evolutionäre Konflikte bestimmt werden. Neue Erkenntnisse im Bereich
der Theorie der Evolution von Lebensgeschichten und viele empirische
Daten weisen darauf hin, dass Organismen während ihrer Entwicklung
(Ontogenese) entscheiden, auf welche Merkmale sie ihre Ressourcen
konzentrieren. Die begrenzten körpereigenen Ressourcen und die Qualität
der Ausstattung eines jeden Merkmals legen fest, in welchem Ausmaß
es in Bezug auf eine bestimmte Funktion optimiert werden kann. Dabei
nutzen Organismen evolutionär entstandene Verteilungsregeln, die
widerstreitende Ausstattungsbedürfnisse durch gezielte Abwägung
("trade-off") von Prioritäten zwischen verschiedenen Funktionen
lösen.
Arbeitschwerpunkte:
- Inter-spezifische evolutionäre Konflikte: Konkurrenz und
Nischenabgrenzung innerhalb europäischer Huftiergemeinschaften (Reh,
Wisent), Anpassungen an sekundäre Pflanzeninhaltsstoffe (Reh, Menschenaffen);
- Intra-spezifische evolutionäre Konflikte: Unterschiedliche
Interessen intra-spezifischer Konkurrenten im Wettbewerb um begrenzte
Ressourcen, insbesondere der sexuelle Konflikt zwischen Weibchen
und Männchen und den damit verbundenen Paarungstaktiken und Spermienkonkurrenz
(Tüpfelhyäne, Fledermäuse);
- Fortpflanzungsstrategien : Physiologische und zelluläre
Grundlagen der Spermatogenes e und deren Anpassungen an Fortpflanzungsaktivität,
Verhaltensrhythmik sowie jahreszeitliche Umweltänderungen (Rehe,
Carnivoren);
- Evolution und adaptiver Wert von Trächtigkeitsmustern: Anpassungswert
von Trächtigkeitsdauer und Muster der Embryonalentwicklung bei Arten
mit ungewöhnlich langen (Elefanten) und kurzen oder überlappenden
Trächtigkeiten (Superfötation beim Hasen);
- Physiologische Strategien bei Nahrungserwerb und Energieallokation
: Charakterisierung der Nahrungsnischen von Ernährungsspezialisten
und ihrer physiologischen und morphologischen Voraussetzungen, sowie
des Energiebedarfs und der physiologischen Regeln der Energieallokation
in Auseinandersetzung mit vorteilhaften und unvorteilhaften Umweltbedingungen
(Reh).Wo finden Projekte des IZW statt?
2. Krankheiten: Analyse der Ursachen, Verbreitung und evolutiven
Auswirkungen von Wildtierkrankheiten
Krankheiten, insbesondere Infektionskrankheiten, beeinflussen
die Vitalität von Wildtieren; im Wechselspiel mit Pathogenen evoluieren
Anpassungen im Immunsystem der Wirtstiere. Eine Reihe von Krankheiten
spielen sich im Spannungsfeld Wildtier – Mensch ab. Dabei kann es
sich um Zoonosen, um übertragbare Krankheiten zwischen Haus- und
Wildtieren oder um Krankheiten von Wildtieren in menschlicher Obhut
handeln. Viele bedeutende Wildtiererkrankungen sind bis heute in
ihrer Ätiologie und Pathogenese ungeklärt. Ziel ist es, die Entstehung
und Verbreitung bedeutender Zoo- und Wildtiererkrankungen zu untersuchen,
die Pathogenese wichtiger Krankheitsbilder unter Einbeziehung ihrer
immunologischen und genetischen Grundlagen zu klären und den Einfluss
von Krankheiten auf die Dynamik und Bedrohung von Wildtierpopulationen
zu charakterisieren.
Arbeitsschwerpunkte:
- Mechanismen der Pathogenese und Immunantwort: Charakterisierung
der Pathogenese ausgewählter Krankheiten, einschließlich der Identifikation
der Erreger (Balanoposthitis beim Wisent), sowie der angeborenen
Immunantwort und ihrer Evolution (Beta-Defensine bei Rinderartigen,
Funktionsweise von Immunzellen bei Huftieren);
- Epidemiologie und Phylogenie von Pathogenen: Vorkommen und
Übertragung von Viren, Bakterien und Parasiten mit Relevanz für
die Populationsdynamik von Wirtstierarten oder –gemeinschaften (Hasenartige,
Huftiere, Raptoren und Prädatoren), inklusive solcher mit zoonotischem
Potential (transmissive spongiforme Enzephalopathien, [TSE]);
- Pathomorphologie und klinische Diagnostik : Pathomorphologische
und klinische Untersuchungen von Krankheiten, die ihre Ursache in
der Haltung von Wildtieren in menschlicher Obhut haben könnten (Infektionen,
Stoffwechselstörungen, reproduktive Dysfunktionen);
- Krankheiten als Ökofaktor : Einfluss von Krankheiten und
Pathogenen auf die Populationsdynamik von Wildtierarten (Streptokokken
bei Hyänen, reproduktive Dysfunktionen bei Nashörnern, European
Brown Hare Syndrome bei Feldhasen).
3. Naturschutz: Aufklärung biologischer Grundlagen und Entwicklung
von Methoden für den Schutz bedrohter Wildtierarten
Das Leistungsziel Naturschutz umfasst die Erarbeitung der wissenschaftlichen
Grundlagen für ein erfolgreiches und nachhaltiges Management stark
bedrohter Wildtierarten in situ und ex situ. Dieses beinhaltet die
Lösung einer Vielzahl von Problemen, wie die Ermittlung von Gefährdungsfaktoren
(Mortalitätsursachen), das frühzeitige Erfassen genetisch bedingter
Rückgangsursachen und der Dynamik kleiner Populationen, das Management
der Fortpflanzung betroffener Wildtierpopulationen (assistierte
Reproduktion, aber auch Fortpflanzungskontrolle) und das Management
von Pathogenen und der Interaktionen von Wildtieren mit der örtlichen
Bevölkerung. Ziel ist die Entwicklung von Konzepten und Methoden
für die aktive Beeinflus sung von Populationsentwicklungen. Da der
Kenntnisstand auf diesem Gebiet defizitär ist, beinhaltet das Leistungsziel
insbesondere die Entwicklung neuer und die Verbesserung bereits
existierender Methoden, die für den Schutz bedrohter Wildtierarten
anwendbar sind.
Arbeitschwerpunkte:
- Genomkonservierung: Sicherung der genetischen Diversität
kleiner Populationen und bedrohter Arten durch Entwicklung von Methoden
zur Kryokonservierung von Spermien (Elefanten, Nashörner und Großkatzen),
Eizellen und Ovargewebe sowie der Transplantation von Ovargewebe
zur Reaktivierung der Reproduktion (Katzenartige);
- Assistierte Reproduktion: Entwicklung von Methoden der assistierten
Reproduktion bei hochgefährdeten Tierarten sowie deren Optimierung
und Einsatz in Erhaltungszuchtprogrammen (Elefanten, Nashörner,
Katzenartige);
- Minimal-invasive Methoden: Entwicklung und Anpassung nicht-invasiver
und minimal-invasiver Methoden (1) zur Beurteilung von Aspekten
des Fortpflanzungs- und Gesundheitsstatuses anhand von Kot, Urin
oder Speichelproben, oder Blut nach schonender Gewinnung mittels
blutsaugender Raubwanzen, (2) zur Gewinnung von DNS aus Haar-, Biopsie-
und Kotproben, (3) zum Einsatz bildgebender Verfahren für die Darstellung
interner Reproduktionsorgane;
- Konzepte zur Fortpflanzungskontrolle: Entwicklung von Konzepten
und Methoden zur Kontrazeption bei Zootieren (Bärenartige, Katzenartige)
und der Bestandskontrolle einheimischer Wildtiere (Wildschwein);
- Landnutzungskonflikte und Wildtierpopulationen: Auswirkungen
ausgewählter Formen menschlicher Landnutzung auf Verhalten, Dynamik
und Struktur von Herbivoren- und Carnivorenpopulationen (Wildruhezonen,
Korridore, Jagd, extensive Viehzucht);
- Mortalitätsursachen: Analyse der Gefährdungsursachen bedrohter
Wildtierpopulationen als Handlungsgrundlage für den Artenschutz
(Seeadler, Europäischer Feldhase, Fledermäuse).
Wie setzen wir das Forschungsprogramm EVitA um?
Die Leistungsziele des Forschungsprogramms definieren das Grundkonzept,
aus dem sich die problemorientierten Fragestellungen des IZW ableiten.
Ausgehend von der elementaren Tatsache, dass das Verhalten, die
Gestalt, Funktion, Leistung, Anpassungsfähigkeit und Lebensläufe
von Organismen durch ihre genetische Ausstattung und ihre komplexe
Umwelt determiniert werden, strebt das IZW eine genetische und ökologische
Durchdringung der ausgewählten Problemstellungen an.
Leitbild für die praktische Forschungstätigkeit des IZW ist die
kausale Analyse relevanter Probleme in der evolutionären Wildtierkunde
unter dem Aspekt ihrer genetischen und ökologischen Bedingtheit
und damit verbunden die Zusammenführung einzeldisziplinärer Erkenntnisse
und Expertisen zu einer interdisziplinären Problembearbeitung und
-lösung. Dazu konzentrieren wir uns auf folgende Vorgehensweisen:
- disziplinäre Beschreibung und Abgrenzung der Fragestellungen
auf der Grundlage von originären und umfassenden Datensammlungen
und ihrer biomathematischen Bearbeitung;
- Identifizierung ökologischer und genetischer Ursachen oder
Einflussfaktoren als Arbeitshypothesen für interdisziplinäre Lösungsansätze.
Um den besonderen Umständen der Wildtierforschung gerecht zu
werden, bedeutet dies praktisch:
- Kombinierte, langfristig angelegte Freiland- und Laboruntersuchungen
an geeigneten Modellsystemen ökologischer Schlüsselarten;
- experimentelle Untersuchungen im Labor, unter natürlichen
Bedingungen und auf der Feldforschungsstation des IZW;
- vergleichende Untersuchungen (z.B. der Anpassungswert wichtiger
Merkmale, besondere Aspekte kleiner Populationen, Pathogenesestudien);
- Entwicklung und Weiterentwicklung minimal- und nicht-invasiver
Methoden zur Erfassung des Verhaltens und des physiologischen Status
von Wildtieren, insbesondere Belastung, Gesundheits- und Fortpflanzungsstatus;
- Untersuchung von Landnutzungskonflikten mit einem transdisziplinären
Forschungsansatz (s.u.) im Bereich Wildtiernutzung und Naturschutz,
ihrer Effekte und ökologischen Konsequenzen.
Zur Umsetzung des Forschungsprogramms ist das IZW in fünf flexible
Forschungsgruppen gegliedert. Mit dem jetzigen Forschungsprogramm
und seiner starken programmatischen und interdisziplinären Verflechtung
sind die Forschungsgruppen die Orte konzeptioneller und methodisch-technischer
Kompetenz, die aufgrund ihrer jeweils spezifischen Fachkenntnis
und -kompetenz zur Lösung bestimmter Fragestellungen beitragen.
In den Forschungsgruppen werden fachliche Erkenntnisfortschritte
sowie konzeptionelle und methodische Weiterentwicklungen erarbeitet.
Die Kooperation zwischen den Forschungsgruppen erfolgt durch den
Austausch von Konzepten und Vorgehensweisen, so dass synergistische
Effekte zur gemeinsamen Lösung besonderer und komplexer Fragestellungen
führen.
Nationale und internationale Kooperation
Das IZW pflegt intensive Beziehungen und führt gemeinsame Projekte mit Hochschulen und außeruniversitären wissenschaftlichen Instituten, naturschutzorientierten Partnern, sowie Schutzgebieten und Schutzeinrichtungen durch:
- Beteiligung an und aktive Gestaltung von institutsübergreifenden Forschungsverbünden (Beispiel: "Kompetenzverbund Biodiversität" in der Leibniz-Gemeinschaft (www.wgl.de);
- Durchführung vielfältiger Kooperationsvereinbarungen und Forschungsprojekte mit dem Fachbereich Veterinärmedizin der Freien Universität Berlin, sowie mit anderen deutschen und internationalen Universitäten;
- Beteiligung an Forschung und Lehre im Graduiertenkolleg
"Evolutionäre Transformationen und faunistische Übergänge"
zusammen mit dem Museum für Naturkunde an der Humboldt-Universität
Berlin
- Vernetzung (Cluster) zum Forschungsschwerpunkt Infektionsbiologie
und Immunität mit dem Institut für Biologie der HU Berlin, Charité,
FU Berlin Bereich Veterinärmedizin, Deutsches Rheumaforschungszentrum,
Robert-Koch-Institut und Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie
im Zentrum
für Infektionsbiologie und Immunität (ZIBI);
- Durchführung gemeinsamer Forschungsprojekte und Veranstaltungen mit internationalen Forschungsinstituten in Frankreich, Polen, Österreich, Schweden, Finnland,
Russland, Großbritannien,
China, Mongolei, Thailand und den USA;
- Durchführung von Forschungsprojekten im Rahmen des Europäischen Erhaltungszuchtprogrammes EEP (www.eaza.net);
- Kooperation mit Schutzeinrichtungen, Nationalparks und Entwicklungszusammenarbeitsprojekten (EZ-Projekte) in Berlin, Brandenburg, Polen, Tansania und Namibia;
- Kooperationsprojekte mit Zoos in Deutschland, Österreich, Schweiz,
Niederlande, Tschechische Republik, Russland, Frankreich, Großbritannien und USA;
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