Forschungsprogramm

Mission: Forschung für den Artenschutz

Das IZW untersucht die vielfältigen Lebensläufe und Anpassungen, die Wildtiere im Laufe der Evolution entwickelt haben. Welchen Anpassungswert haben bestimmte Merkmale? Wo stoßen die Anpassungen an ihre Grenzen, weil sie zum Beispiel durch Krankheitserreger ausgehebelt werden? Welche Beziehungen gibt es zwischen der jeweiligen Art und ihrer Umwelt? Und wie werden Wildtiere durch menschliche Aktivitäten beeinträchtigt? Solche Fragen untersuchen wir an Wildtieren, die in freier Wildbahn oder in menschlicher Obhut in Deutschland, Europa und anderen Teilen der Welt leben. Zur Aufklärung der komplexen Zusammenhänge kombinieren wir verschiedene Forschungsansätze und Fachdisziplinen. Das Institut untersucht genetische, physiologische, veterinärmedizinische, verhaltensbiologische, ökologische und evolutionsbiologische Aspekte und verbindet Fragestellungen nach Mechanismen mit solchen nach der evolutionsbiologischen Funktion. So legen wir die wissenschaftliche Grundlage für neue Konzepte und Methoden zum Schutz von Wildtieren.

Vision: Anpassungsfähigkeit verstehen und verbessern

Wir leben heute in einer Epoche, die Fachleute nicht umsonst „Anthropozän“ nennen – also das Zeitalter des Menschen. Es gibt mittlerweile auf der Erde fast keinen Lebensraum (Ökosystem) mehr, den der Mensch nicht in irgendeiner Form beeinflusst. Für Wildtiere können diese Veränderungen ganz unterschiedliche Folgen haben. Die einen geraten durch den menschgemachten Wandel an den Rand des Aussterbens, andere Tierarten dagegen tolerieren ihn einigermaßen, und wieder andere kommen in den veränderten oder neu geschaffenen Lebensräumen sogar besonders gut zurecht.

Warum aber sind manche Arten so viel besser für die Herausforderungen der heutigen Welt gerüstet als andere? Was macht die einen zu „Gewinnern“ und die anderen zu „Verlierern“ des globalen Wandels? Momentan sind wir nicht in der Lage, verlässliche Vorhersagen darüber zu machen, wie Wildtiere auf bestimmte Umweltveränderungen reagieren werden.

Solche Vorhersagen wären aber dringend notwendig, um erfolgreiche Schutzkonzepte zu entwickeln und die begrenzten Ressourcen im Naturschutz dort einzusetzen, wo die besten Erfolge zu erwarten sind. Um das zu erreichen, müssen wir die Anpassungsfähigkeit von Individuen, Populationen und Arten kennen, das heißt wir müssen wissen, ob sie die Reaktionsnormen oder das evolutionäre Potential besitzen, um mit menschengemachten Herausforderungen umzugehen. Die Anpassungsfähigkeit besteht dabei aus zwei Komponenten: Zum einen der Widerstandsfähigkeit („Resistenz“), die bestimmt, wie stark sich eine bestimmte Umweltänderung auswirkt, und zum anderen der Belastbarkeit („Resilienz“), von der abhängt, ob sich Individuen, Populationen, Arten oder Artengemeinschaften nach einer Beeinträchtigung schnell wieder erholen können.

Unsere Vision ist es, mit unserer Forschung zwei wichtige Ziele zu erreichen:

  1. Anpassungsfähigkeit verstehen: Wir wollen Beiträge zu einem Theoriegerüst leisten, das erklärt, warum manche Wildtierarten durch anthropogenen Wandel bedroht sind, während andere ihn überleben oder sogar von ihm profitieren.
  2. Anpassungsfähigkeit verbessern: Aufbauend auf diesen Erkenntnissen wollen wir Konzepte und Methoden für geeignete Maßnahmen (Interventionen) entwickeln, mit denen sich die Anpassungsfähigkeit von bedrohten Wildtieren unterstützen (verbessern) lässt.

Forschungsschwerpunkte

Wir konzentrieren unsere wissenschaftliche Arbeit auf die drei Forschungsschwerpunkte Anpassung, Wildtierkrankheiten und Naturschutz.

Globale Forschungsziele: Biodiversität und Gesundheit

Im Jahr 2000 haben die Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen einen Katalog von acht ehrgeizigen Entwicklungszielen verabschiedet, welche bis zum Jahr 2015 umgesetzt werden sollen. Das IZW befasst sich dabei intensiv mit zwei im Katalog aufgeführten Themenkomplexen: den Bereichen biologische Vielfalt (Biodiversität) und Gesundheit.

Die Biodiversitätsforschung beschäftigt sich mit der Erfassung der Vielfalt des Lebens auf verschiedenen Ebenen – dabei kann es sich u.a. um die Vielfalt von Erbanlagen, Arten oder ganzen Lebensräumen (Ökosystemen) handeln. WissenschaftlerInnen wollen verstehen, wie verschiedene Lebensgemeinschaften funktionieren, welche Leistungen sie für das jeweilige Ökosystem erbringen und wie sie auf Veränderungen durch den Menschen reagieren.

Derartige Fragen untersucht das IZW aus einer evolutionsbiologischen Perspektive: Wie hat die Evolution all die unterschiedlichen Lebensläufe, Eigenheiten, Merkmale und Anpassungen hervorgebracht, die für heutige Wildtiere typisch sind? Und wie bestimmen diese Eigenheiten, ob eine Art mit den Folgen des globalen Wandels gute Zukunftschancen hat oder nicht? Solche Fragen möchte das IZW beantworten.

Doch auch im Bereich Gesundheit haben wir spannende neue Erkenntnisse beizutragen. Denn diesen Begriff beziehen Experten heute nicht mehr nur auf das medizinische Wohlbefinden des Menschen. Unter dem Schlagwort "One Health" („Eine Gesundheit“) setzt sich zunehmend die Erkenntnis durch, dass die menschliche Gesundheit eng mit der von Haustieren, Wildtieren und dem Zustand natürlicher Lebensräume zusammenhängt. Keiner dieser Aspekte sollte also für sich allein betrachtet werden. Das IZW geht deshalb über die klassische Tiermedizin hinaus und verbindet sie mit Fragen der Ökologie und Humanmedizin. Dieser fachübergreifende Ansatz ist unter dem englischen Begriff "Conservation Medicine" bekannt geworden.

Die Auswahl der Untersuchungssysteme

Unsere Forschungsarbeit konzentriert sich auf Säugetier- und Vogelarten, die bedroht sind oder spezielle Herausforderungen für den Naturschutz darstellen.

Wir untersuchen:

  • Schlüsselarten ("keystone species"): Arten, die viele andere Tiere, Pflanzen und Mikroorganismen in einem Ökosystem beeinflussen. Sie sind für den Erhalt der Struktur von Lebensgemeinschaften im Ökosystem entscheidend.
  • Konfliktarten im Zentrum von Landnutzungskonflikten zwischen Mensch und Tier.
  • Schirmarten ("umbrella species"): Arten, die stellvertretend für die Ansprüche vieler anderer Organismen stehen. Wenn man günstige Bedingungen für diese Arten schafft, profitieren also gleichzeitig auch zahlreiche andere Tiere und Pflanzen. Diese Arten spielen daher eine wichtige Rolle für den Naturschutz.
  • Leitarten ("flagship species"): Arten, die wegen ihrer Faszination für den Menschen sehr gut als Werbeträger für den Natur- und Umweltschutz oder die Idee einer nachhaltigen Landnutzung eingesetzt werden können.
  • Tierarten, die als Indikatoren für Veränderungen in der Umwelt stehen.
  • Tierarten, die im Laufe der Evolution komplexe Anpassungen entwickelt haben.
Unser Forschungsansatz

Ziel unserer Arbeit ist es, wichtige Bausteine für eine Theorie zur Belastbarkeit von wildlebenden Tierarten sowie die Grundlage für neue Ansätze im Naturschutz zu liefern. Dazu kombinieren wir:

  • Ergebnisse von Langzeitstudien an Tieren in der freien Wildbahn mit Untersuchungen an Tieren in menschlicher Obhut,
  • Laboruntersuchungen mit Feldforschung,
  • experimentelle Untersuchungen an Tieren in der Natur und in menschlicher Obhut,
  • interdisziplinäre Ansätze der biologischen und tiermedizinischen Forschung,
  • Grundlagen- und angewandte Forschung
  • erstklassige Forschungsarbeit mit zielgruppenrelevanter Öffentlichkeitsarbeit.

Das IZW arbeitet in einem Netzwerk aus zahlreichen deutschen und internationalen Partnerorganisationen. Dazu gehören u.a. Universitäten und Forschungseinrichtungen, Zoos, Naturschutzorganisationen und Wirtschaftsunternehmen.