Herpesviren sind doch nicht so artspezifisch wie gedacht

Aufnahme mit einem Elektronenmikroskop: Herpesviruspartikel.| Foto: Walid Aza
Aufnahme mit einem Elektronenmikroskop: Herpesviruspartikel.| Foto: Walid Aza

Eine neue Studie zeigt, dass Herpesviren gar nicht so wirtsspezifisch sind wie bisher angenommen. Wissenschaftler des Berliner Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) zeigen mit aktuellen Forschungsergebnissen, dass Gammaherpesviren ihren Wirt öfter wechseln. Die Viren werden häufig von Fledermäusen und Primaten auf andere Säugetiere übertragen. Die Forschungsergebnisse sind jetzt im wissenschaftlichen Journal „mBio“ veröffentlicht.

Bisher wurde angenommen, dass jedes Tier ein spezifisches Herpesvirus besitzt, das sich an seinen Wirt angepasst hat. Jetzt hat ein internationales Forscherteam unter Leitung des Leibniz-IZW herausgefunden, dass Herpesviren dieser gemeinhin verbreiteten Annahme nicht entsprechen. Die Untersuchung von Gammaherpesviren (einer Gruppe von Herpesviren) zeigt, dass die Herpesviren, die bei Gemeinen Vampirfledermäusen (Desmodus rotundus) und Kammzahnvampiren (Diphylla ecaudata) vorkommen, denen von Rindern gleichen. Vampirfledermäuse ernähren sich ausschließlich von Tierblut, vor allem Schweine- und Rinderblut, da  dies eine leicht zugängliche Nahrungsquelle darstellt. Bedeutet dieses Ergebnis, dass die Fledermäuse über ihre Nahrungsquelle mit dem Virus infiziert wurden?

Um diese Frage zu beantworten, arbeiteten die Forscher des Leibniz-IZW mit dem Centro Nacional de Investigación Disciplinaria en Microbiología Animal - INIFAP; der Facultad de Medicina Veterinaria y Zootecnia of the Universidad Veracruzana; dem Instituto de Biotecnología der Nationalen Autonomen Universität Mexiko, dem SUNY Downstate Medical Center in den USA und der Freien Universität Berlin zusammen. Mithilfe der Untersuchungsergebnisse bei Vampirfledermäusen erstellten die Wissenschaftler die bisher größte Datensammlung von Virus-Erbgut aus allen zugänglichen Gammaherpesviren. Dabei nutzten die Forscher die eigenen Forschungsergebnisse und Informationen aus öffentlich zugänglichen Quellen. Unter dem versammelten Erbgut befanden sich auch viele Viren von Fledermausarten. In aufwändigen Analysen wurden die Verwandtschaftsverhältnisse der Viren untereinander und zu ihren Wirten untersucht.

Die Forscher fanden heraus, dass die untersuchten Herpesviren nicht nur wirtsspezifisch vorkommen, sondern in der Vergangenheit auch häufig zwischen Arten gewechselt haben. Die meisten Virusübertragungen gingen von Fledermäusen aus. Primaten bilden die zweithäufigste Übertragungsquelle. „Wir gehen davon aus, dass bestimmte Merkmale der Fledermäuse, wie ihre Fähigkeit zu fliegen und ihr großer Aktionsraum für die Übertragung von Viren auf andere Tierarten sehr hilfreich sind“, sagt Dr. Marina Escalera-Zamudio, Wissenschaftlerin am Leibniz-IZW. Nach der Übertragung haben sich die Herpesviren vermutlich an ihren neuen Wirt angepasst, was ihnen den Anschein gibt, wirtsspezifisch zu sein. Vampirfledermäuse wurden also nicht über ihre Nahrung, sondern eher durch andere Säugetiere mit Herpesviren infiziert. Überraschenderweise fanden die Wissenschaftler ebenso häufig Herpesvirusübertragungen bei nicht blutsaugenden Fledermausarten.

„Viele der beim Menschen Krankheit auslösenden Viren gehören zur Familie der Herpesviren. Daher ist es wichtig, ihre evolutionäre Entwicklung zu verstehen. Herpesviren verursachen lebenslang vor sich hinschlummernde (latente) Infektionen, die sich bei Schwächung der körpereigenen Abwehrkräfte zu akuten Infektionen entwickeln. Nach einer Infektion überleben sie weitgehend unbemerkt im Wirt“, ergänzt Escalera-Zamudio. Daher ist es sehr wahrscheinlich, dass in Zukunft noch weitere Fälle von Virenübertragungen auf andere Arten aufgedeckt werden. Um das gesamte Ausmaß der Übertragungen zu erfassen, sind weitere Probenentnahmen bei einer Vielzahl von verschiedenen Wirten notwendig. Die zukünftige Forschung sollte sich darauf konzentrieren, welche Rolle Fledermäuse und Primaten bei der Verbreitung von Viren spielen.

 

Publikation:

Escalera-Zamudio M, Rojas-Anaya E, Kolokotronis SO,  Taboada B, Méndez-Ojeda ML, Loza-Rubio E, Arias CF, Osterrieder N, Greenwood AD (2016): Bats, primates, and the evolutionary origins and diversification of mammalian gammaherpesviruses. mBio, doi: 10.1128/mBio.01425-16.

 

Kontakt:

Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW)
im Forschungsverbund Berlin e.V.
Alfred-Kowalke-Str. 17
10315 Berlin
 
Prof Alex D Greenwood
Tel.: +49 30 5168-255
 
Steven Seet (Presse)
Tel.: +49 30 5168-125

 

----------------

Hintergrundinformation:

Das Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) ist eine national und international renommierte Forschungseinrichtung der Leibniz-Gemeinschaft. Mit den Forschungszielen „Anpassungsfähigkeit verstehen und verbessern“ untersucht es die evolutionären Anpassungen von Wildtierpopulationen und ihre Belastungen durch den globalen Wandel und entwickelt neue Konzepte und Maßnahmen für den Artenschutz. Dafür setzt es seine breite interdisziplinäre Kompetenz in Evolutionsökologie und –genetik, Wildtierkrankheiten, Reproduktionsbiologie und –management im engen Dialog mit Interessensgruppen und der Öffentlichkeit ein.

Das IZW gehört zum Forschungsverbund Berlin e.V.

Die Leibniz-Gemeinschaft verbindet 89 selbständige Forschungseinrichtungen. Deren Ausrichtung reicht von den Natur-, Ingenieur- und Umweltwissenschaften über die Wirtschafts-, Raum- und Sozialwissenschaften bis zu den Geisteswissenschaften. Leibniz-Institute bearbeiten gesellschaftlich, ökonomisch und ökologisch relevante Fragestellungen. Sie betreiben erkenntnis- und anwendungsorientierte Grundlagenforschung. Sie unterhalten wissenschaftliche Infrastrukturen und bieten forschungsbasierte Dienstleistungen an. Die Leibniz-Gemeinschaft setzt Schwerpunkte im Wissenstransfer in Richtung Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Öffentlichkeit. Leibniz-Institute pflegen intensive Kooperationen mit den Hochschulen ‑ u.a. in Form der WissenschaftsCampi ‑, mit der Industrie und anderen Partnern im In- und Ausland. Sie unterliegen einem maßstabsetzenden transparenten und unabhängigen Begutachtungsverfahren. Aufgrund ihrer gesamtstaatlichen Bedeutung fördern Bund und Länder die Institute der Leibniz-Gemeinschaft gemeinsam. Die Leibniz-Institute beschäftigen rund 17.500 Personen, darunter 8.800 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Der Gesamtetat der Institute liegt bei 1,5 Milliarden Euro.

www.leibniz-gemeinschaft.de

 

 

Zurück