Wer tanzte am Wochenende mit dem Igel?

Igel in Berlin. Foto: Juliane Seet
Igel in Berlin. Foto: Juliane Seet

Igel wurden nicht verletzt, weil sie ihre Aufenthaltsbereiche und Aktivitätsmuster im Treptower Park während der Festivitäten änderten, ohne den Park völlig aufzugeben. Das ist die vorläufige Bilanz der Auswirkungen des Lollapalooza Festivals auf die Igelpopulation im Treptower Park. Wissenschaftler vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) präsentieren erste Untersuchungsergebnisse. 

70.000 Teilnehmer tanzten am 10. und 11. September 2016 im Treptower Park beim Lollapalooza Festival. Schon lange vorher wurde in Berlin viel und heftig darüber diskutiert, inwieweit die Flora und Fauna des Treptower Parks durch ein solches Großereignis Schaden nehmen könnte. Es ist seit längerem bekannt, dass viele Wildtierarten zunehmend auch in städtischen Gebieten, insbesondere in Parks, auf Brachflächen oder Friedhöfen vorkommen. Forscher des Berliner Leibniz-Institutes für Zoo- und Wildtierforschung untersuchten im Rahmen des Projektes „Igel in Berlin“ die Auswirkungen des Lollapalooza Festivals auf die im Treptower Park vorkommenden Europäischen Braunbrustigel (Erinaceus europaeus). Schon frühere Ergebnisse innerhalb des Forschungsprojektes hatten gezeigt, dass gerade der Treptower Park eine für Berliner Verhältnisse außerordentlich hohe Igeldichte aufweist.

Vor den Aufbauarbeiten des Festivals wurden die Igel mit GPS-Datenloggern ausgestattet, die sie mehrere Wochen trugen. Mithilfe der Logger konnten die Tiere schnell wiedergefunden, ihre nächtlichen Wege metergenau nachvollzogen und ihre Tagesschlafnester täglich protokolliert werden. „Mit Hilfe der gewonnen Daten wollen wir verstehen, wie die Igel mit einer solch starken Situationsveränderung wie diesem Festival umgehen“, erklärt Anne Berger, Leiterin des IZW-Projektes „Igel in Berlin“. Die vorläufig ausgewerteten Daten zeigen ein eindeutig verändertes Raumnutzungsverhalten der Igel innerhalb des Treptower Parks, ohne dass einer der Igel den Park verlassen hätte oder äußerlich verletzt wurde. „Wir hatten sogar Igel, die direkt unter den Containern des Festivals neue Nester bauten“, berichtet Leon Barthel, Doktorand im Leibniz-IZW Igel-Projekt. Während der Festival-Abbauarbeiten nutzen die Igel teilweise dieselben Nester wie vor dem Festival. Alle von den Igeln gewonnenen Daten vor, während und nach dem Festival werden nun im Detail vergleichend analysiert, damit für spätere Diskussionen um Großveranstaltungen in Parks die Konsequenzen für Igel faktenbasiert diskutiert werden können.

Bereits seit 2013 können Bürger das langfristig angelegte Projekt „Igel in Berlin“ unterstützen, indem sie Sichtungen von toten oder lebenden Igeln melden (http://www.portal-beee.de/igel.html). Diese Möglichkeit der Meldung von Beobachtungen wurde jetzt um eine weitere Bürgerwissenschaftler-Aufgabe ergänzt: Nun können Interessierte – nach ihrer Anmeldung (http://www.portal-beee.de/igel-melden.html) und einer kurzen Anleitung – auch gezielt nach Igeln in nahegelegenen Parkanlagen suchen. „Wir brauchen diese Hilfe, um einen möglichst umfassenden Überblick über die Igelpopulationen in den knapp 2.500 Berliner Grünanlagen zu erhalten“,  erklärt Barthel.

Igel sind nach dem Bundesnaturschutzgesetz  „besonders geschützt“, daher ist es verboten, sie „[…] zu fangen, zu verletzen, zu töten oder ihre Entwicklungsformen, Nist-, Brut-, Wohn- oder Zufluchtsstätten der Natur zu entnehmen, zu beschädigen oder zu zerstören [...], sowie sie […] in Besitz oder Gewahrsam zu nehmen [...]“ (BNatSchG, §44 Abs. 1 und 2 ). Igel gelten in Deutschland zwar nicht als gefährdete Art, aber es gibt Hinweise aus anderen europäischen Ländern, dass die Igelbestände besorgniserregend abnehmen. Das Leibniz-IZW Igel-Projekt wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert.

 

Kontakt:

Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW)
im Forschungsverbund Berlin e.V.
Alfred-Kowalke-Straße 17
10315 Berlin
GERMANY

Dr. Anne Berger
Tel.: 030 51 68 328
 
Steven Seet
Tel.: 030 51 68 125
 

 

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Hintergrundinformation:

Das Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) ist eine national und international renommierte Forschungseinrichtung der Leibniz-Gemeinschaft. Mit den Forschungszielen „Anpassungsfähigkeit verstehen und verbessern“ untersucht es die evolutionären Anpassungen von Wildtierpopulationen und ihre Belastungen durch den globalen Wandel und entwickelt neue Konzepte und Maßnahmen für den Artenschutz. Dafür setzt es seine breite interdisziplinäre Kompetenz in Evolutionsökologie und –genetik, Wildtierkrankheiten, Reproduktionsbiologie und –management im engen Dialog mit Interessensgruppen und der Öffentlichkeit ein.

Das IZW gehört zum Forschungsverbund Berlin e.V.

Die Leibniz-Gemeinschaft verbindet 89 selbständige Forschungseinrichtungen. Deren Ausrichtung reicht von den Natur-, Ingenieur- und Umweltwissenschaften über die Wirtschafts-, Raum- und Sozialwissenschaften bis zu den Geisteswissenschaften. Leibniz-Institute bearbeiten gesellschaftlich, ökonomisch und ökologisch relevante Fragestellungen. Sie betreiben erkenntnis- und anwendungsorientierte Grundlagenforschung. Sie unterhalten wissenschaftliche Infrastrukturen und bieten forschungsbasierte Dienstleistungen an. Die Leibniz-Gemeinschaft setzt Schwerpunkte im Wissenstransfer in Richtung Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Öffentlichkeit. Leibniz-Institute pflegen intensive Kooperationen mit den Hochschulen ‑ u.a. in Form der WissenschaftsCampi ‑, mit der Industrie und anderen Partnern im In- und Ausland. Sie unterliegen einem maßstabsetzenden transparenten und unabhängigen Begutachtungsverfahren. Aufgrund ihrer gesamtstaatlichen Bedeutung fördern Bund und Länder die Institute der Leibniz-Gemeinschaft gemeinsam. Die Leibniz-Institute beschäftigen rund 17.500 Personen, darunter 8.800 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Der Gesamtetat der Institute liegt bei 1,5 Milliarden Euro.

www.leibniz-gemeinschaft.de

 

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