Wild gefangene Elefanten haben eine verkürzte Lebensspanne

Die Menschheit fängt seit mehr als 3000 Jahren wildlebende asiatische Elefanten, und sie als Arbeitstiere oder zur Unterhaltung eingesetzt. Wilde Elefanten werden bis zum heutigen Tag gefangen, obwohl der Bestand asiatischer Elefanten im Freiland rückläufig ist. Ein internationales Team von Wissenschaftlern hat jetzt detaillierte Aufzeichnungen über asiatische Elefanten, die in der Forstwirtschaft in Myanmar eingesetzt wurden, analysiert und die langfristigen Auswirkungen des Fangs untersucht, einschließlich der Rolle verschiedener Fangmethoden. Die Ergebnisse zeigen, dass Wildfänge noch ein Jahrzehnt nach ihrem Fang eine erhöhte Sterblichkeitsrate aufweisen und ihre Lebenserwartung im Vergleich zu in Gefangenschaft geborenen Tieren um mehrere Jahre kürzer ist. Das erhöht den Druck auf die gefährdeten Freilandpopulationen, wenn Wildfänge weiterhin nicht eingeschränkt werden, mit möglicherweise negativen Auswirkungen auf deren Bestandsaussichten. Die in dieser Studie entdeckten Langzeitunterschiede zwischen in Gefangenschaft geborenen und wild gefangenen Elefanten werden auch in Forschungs- und Schutzprogrammen bisher nicht berücksichtigt. Die Ergebnisse der Studie wurden jetzt in der Fachzeitschrift Nature Communications veröffentlicht.

Bisher war bereits bekannt, dass Elefanten in zoologischen Gärten ein höheres Sterberisiko haben als in freier Wildbahn. Solche Vergleiche berücksichtigen jedoch nicht die damit verbundenen Unterschiede in der Ernährung, dem sozialen Umfeld, den Bewegungsmöglichkeiten und den Krankheitsbildern zwischen dem Leben in zoologischen Gärten und in der Wildnis. Sie bieten auch wenig Informationen darüber, wie sich der Fang von wilden Elefanten langfristig auf deren Gesundheit und Wohlbefinden in der Gefangenschaft auswirkt.

Elefanten werden seit Jahrhunderten in Holzfällerlagern in Myanmar eingesetzt. Wild gefangene und in der Gefangenschaft geborene Tiere arbeiten und leben dort Seite an Seite in den Wäldern. Sie werden weitgehend mit den gleichen Methoden gezähmt, leben in der gleichen Umgebung und werden somit ähnlich behandelt. Die detaillierten Aufzeichnungen der Lokalverwaltungen in Myanmar über die Elefantenhaltung lieferte den Forschern der Universität Turku in Finnland und des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin einen umfangreichen Datensatz. Anhand dieser Daten, die fast ein Jahrhundert zurückreichen und über 5.000 in der Forstwirtschaft tätige Elefanten betrafen, analysierten die WissenschaftlerInnen die Überlebenschancen der Elefanten nach dem Fang.

„Unsere Analyse zeigt, dass wild gefangene Elefanten geringere Überlebenschancen haben als in Gefangenschaft geborene, unabhängig davon, welche Fangmethode eingesetzt wird: Einpferchung ganzer Gruppen, Lassos für den Fang einzelner Elefanten oder Ruhigstellung durch Betäubung. Das bedeutet, dass alle diese Methoden einen ähnlich nachteiligen Einfluss auf das weitere Leben eines in Gefangenschaft lebenden und arbeitenden Elefanten haben. Wir stellten auch fest, dass ältere Elefanten am meisten unter dem Fang leiden; sie haben eine höhere Sterblichkeit als jüngere Elefanten“, sagt Dr. Mirkka Lahdenperä, die leitende Autorin der Studie.

Das größte Sterberisiko für alle wild gefangenen Elefanten besteht im ersten Jahr nach der Gefangennahme. Auch wenn das Risiko in den Folgejahren abnimmt, hielten überraschenderweise die negativen Auswirkungen etwa ein Jahrzehnt an.

„Wir haben uns für Daten aus den Holzfällerlagern entschieden, da - abgesehen von ihrer Gefangennahme - sowohl wild gefangene als auch in Gefangenschaft geborene Elefanten einen sehr ähnlichen Lebensstil haben. Diese ungewöhnliche Situation ermöglicht einen objektiven Vergleich zwischen diesen beiden Gruppen, der nicht von anderen Faktoren wie der Ernährung oder verfügbarer Bewegungsfreiheit beeinflusst wird“, erklärt Dr. Alexandre Courtiol, verantwortlich für die Datenanalyse der Studie.

In Gefangenschaft geborene und wild gefangene Elefanten, die in Myanmar in der Forstwirtschaft eingesetzt werden, leben in halbwilden Populationen zusammen. Sie arbeiten tagsüber und werden nachts in den Wald entlassen, um selbständig Nahrung zu finden. Dadurch kommen sie in Kontakt mit wilden und anderen in Gefangenschaft lebenden Elefanten. Wild gefangene wie in Gefangenschaft geborene Tiere unterliegen den gleichen gesetzlichen Bestimmungen bezüglich Datenerfassung, Arbeitsbelastung und Ruhezeiten - Arbeitselefanten haben Urlaub, Mutterschaftsurlaub und gehen in Rente. Sowohl in Gefangenschaft geborene als auch wild gefangene Elefanten werden gezähmt und ausgebildet, bevor sie in die Arbeitswelt eintreten. Wild gefangene Elefanten werden je nach Alter, Geschlecht und Persönlichkeit allerdings möglicherweise rauer behandelt als in Gefangenschaft geborene Kälber.

„Der Fang und die Zähmung geht auf Kosten der mittleren Lebensdauer von wilden Elefanten. Sie leben im Durchschnitt drei bis sieben Jahre weniger als die in Gefangenschaft geborenen Tiere. Der Fang von wilden Elefanten zur Erhaltung des Bestandes in Gefangenschaft erhöht also den Druck auf die Freilandpopulationen, was langfristig den Bestand im Freiland gefährden könnte. Darüber hinaus reduziert der Fang die Wildpopulationen dieser gefährdeten Art und ist somit kein zukunftsfähiges Modell. Die wild gefangenen Tiere haben eine kürzere Lebenszeit und vermehren sich nur schlecht in Gefangenschaft", sagt die Studienleiterin, Akademieprofessorin Virpi Lummaa.

Lang anhaltender Stress, der durch den Fang und die Zähmung ausgelöst werden könnte, sowie die Veränderungen im sozialen Umfeld der Tiere sind mögliche Gründe für die verkürzte Lebenszeit wild gefangener Elefanten. „Wir sollten alternative und bessere Methoden finden, um die Bestände in Gefangenschaft zu erhalten. Selbst heute sind über 60 Prozent der Elefanten in Zoos Wildfänge und etwa ein Drittel aller verbliebenen asiatischen Elefanten leben derzeit in Gefangenschaft", sagt Dr. Mirkka Lahdenperä.

Die Ergebnisse der aktuellen Studie an Elefanten zeigen, dass weitere Forschung notwendig ist, um beurteilen zu können, ob der Fang wilder Tiere auch bei anderen Arten langfristige negative Auswirkungen hat. Wann immer das Einfangen von Tieren für die Zwecke des Naturschutzes oder der Forschung unvermeidlich ist, sollten Tierärzte und Biologen zusammenarbeiten, um tierschutzfreundliche Verfahren einzusetzen und zu verbessern. Dabei ist die Unterstützung gefangener Wildtiere in der Zeit unmittelbar nach dem Fang besonders wichtig.

Die Studie wurde durch den Europäischen Forschungsrat, dieAkademie von Finnland, und die Kone Stiftung finanziert.

Der Artikel* „Differences in age-specific mortality between wild-caught and captive-born Asian elephants” von Mirkka Lahdenperä, Khyne U Mar, Alexandre Courtiol and Virpi Lummaa wurde in der wissenschaftlichen Zeitschrift Nature Communications veröffentlicht (http://dx.doi.org/10.1038/s41467-018-05515-8).

*Alle Autoren haben gleichermaßen zu dieser Studie beigetragen.

 

Fotos:

Foto 1: Die meisten wild-gefangenen Elefanten sind relativ jung (Fotograf: Virpi Lummaa)

Foto 2: Wild-gefangene Elefanten in Myanmar verbringen ihre Freizeit in nahegelegen Wäldern (Fotograf: Alexandre Courtiol)

Foto 3: Geketteter Forstwirtschaftselefant (Fotograf: Robin Cristofari)

Foto 4: Elefanten die in der Forstwirtschaft in Myanmar arbeiten haben bessere Überlebenschancen als Elefanten die in Zoos leben (Fotograf: Virpi Lummaa)

Foto 5: Elefant in Myanmar  bei der Arbeit (Fotograf: Virpi Lummaa)

Die Medien können die Fotos unter Angabe des Fotografen frei verwenden.

 

Kontakt:

Mirkka Lahdenperä (Englisch und Finnisch)

Department of Biology,

University of Turku, Finland

tel. +358 50 541 7246, email mirkka.lahdenpera@utu.fi

 

Virpi Lummaa (Englisch und Finnisch)

Department of Biology,

University of Turku, Finland

tel. +358 50 4382044, email virpi.lummaa@utu.fi

Alexandre Courtiol (Englisch und Französisch)

Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtier Forschung (IZW) im
Forschungsverbund Berlin e.V.
tel. +49 30 51 68 331, email courtiol@izw-berlin.de

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