Risikanalyse für Wildtiere

Um die biologische Vielfalt unseres Planeten zu erhalten und den Artenschwund zu stoppen, müssen wir die Gründe für den rasanten Rückgang von Wildtierbeständen verstehen. Eine Vielzahl von Faktoren kann für den Artenschwund in Frage kommen. Krankheitserreger, Verdrängung durch andere Tierarten, Veränderung des Klimas aber vor allem auch das Eingreifen des Menschen in den natürlichen Lebensraum der Wildtiere, tragen zu einem Rückgang von Populationen bei. Umfangreiche Feldstudien sind Voraussetzung, um die Risiken für eine Tierart abschätzen und bewerten zu können.

Die Folgen der Isolation

Manche Wildtierarten haben nicht nur ein besonders ausgeprägtes Wanderverhalten, sondern beanspruchen darüber hinaus auch große Reviere für sich. Die zunehmende Zerschneidung und Zersiedlung von Lebensräumen durch den Menschen erschwert es den Tieren jedoch, auf der Suche nach Nahrung oder einem Partner weite Strecken zurückzulegen. Besonders Straßen und Autobahnen stellen für Wildtiere oft unüberwindbare Barrieren dar. Die Isolation von Tierbeständen, einhergehend mit einer sinkenden genetischen Vielfalt, sind daraus resultierende Konsequenzen für Wildtierpopulationen.

Wir untersuchen, was eine bestimmte Art zum Abwandern motiviert, welche Distanzen und Hindernisse sie überwindet und wie diese Wanderungen im Detail verlaufen. Im Fokus unserer Untersuchungen steht dabei die Frage nach der geeigneten Beschaffenheit und Struktur der Landschaft, damit Wildtiere sich ungehindert fortbewegen können.

Im Rahmen dieser Studien rüsten wir Wildtiere mit Telemetriehalsbändern aus und können damit langfristige und kontinuierliche Daten zum Verhalten der Tiere sammeln. Durch die Analyse dieser Daten mit Hilfe von theoretischen Modellen sowie unter Einbeziehung von Forschungsergebnissen aus Landschaftsökologie und Genetik, kann die Entwicklung von Populationen besser nachvollzogen werden. Speziell auf die Bedürfnisse der Tiere zugeschnittene Wander- und Wildtierkorridore können beispielsweise helfen, deren Lebensräume zu verbinden und Austauschbeziehungen zuzulassen.

Störungen und andere Herausforderungen

Weltweit beansprucht der Mensch immer größere Teile der Lebensräume von Wildtieren. Empfindliche Ökosysteme wie der Regenwald werden zerstört, sodass viele Tierarten durch die Rodung von Wäldern oder die Urbarmachung von Land ihre Lebensgrundlage verlieren. Die Nähe des Menschen, Lärm, künstliche Lichtquellen, begrenzte Reviere oder auch ein Mangel an Nahrung sorgen für dauerhaften Stress bei den Tieren.

Stress aber kann eine ganze Reihe von körperlichen Reaktionen auslösen. Bei Wirbeltieren werden diese Reaktionen vor allem von bestimmten Hormonen aus der Gruppe der Glucocorticoide gesteuert. Stresshormone helfen Tieren, auf gefährliche Situationen zu reagieren – etwa durch eine schnelle Flucht. Hohe Konzentrationen dieser Substanzen im Blut steigern daher die Überlebenschancen. Ein dauerhaft erhöhter Stresshormonspiegel kann dagegen durchaus gefährlich werden: Die Gesundheit der Tiere wird herabgesetzt, die Fortpflanzung gestört und die Lebenserwartung verringert. Wir untersuchen deshalb bei einer Reihe von Wildtieren, ob Populationen einem erhöhten Maß an Stresshormonbelastung ausgesetzt sind, wenn sie in unserer Kulturlandschaft leben.

Todesursachen bei bedrohten Arten

Um ein umfassendes und wirkungsvolles Schutzkonzept für bedrohte Arten zu entwickeln, bedarf es detaillierter Kenntnisse über die häufigsten Todesursachen von Wildtieren. Die Vergiftung von Greifvögeln durch Aufnahme von mit bleihaltiger Munition belasteter Nahrung sowie die daraus resultierende Bedrohung der Bestände in Deutschland sind Beispiel für die Dringlichkeit der Einführung neuer, effizienter Schutzmaßnahmen.

Vor allem während der Wintermonate verlegen die Seeadler ihre Hauptnahrungsquelle auf Aas. Verendetes Wild oder die zurückgelassenen Innereien von geschossenen Tieren sind für die Greifvögel ein gefundenes Fressen. Die Munition der Jäger enthält in der Regel jedoch stark giftiges Blei, das beim Eintritt in den Tierkörper zersplittert und sich im Kadaver des Tieres verteilt. Das mit der Nahrung aufgenommene Schwermetall führt bei den Seeadlern zu massiven Vergiftungen. Die Tiere sind abgemagert, apathisch und erblinden häufig. Bewegungsstörungen und Nervenschäden zählen zu den oft tödlichen Folgen. Für den Wappenvogel Deutschlands sind Bleivergiftungen in den letzten Jahrzehnten zur Haupttodesursache geworden.

In Zusammenarbeit mit Kolleginnen und Kollegen anderer Institutionen haben wir die Vergiftungsfälle genau analysiert. Das Fressverhalten der Seeadler, deren Nahrungspräferenzen sowie die jeweilige Reviergröße standen dabei im Fokus unserer Untersuchungen. Wir wollten herausfinden, wie stark sich die bleibedingten Todesfälle auf die Bestände der Tiere in Deutschland auswirken. Auch die Munition der Jäger wurde gründlich auf ihr Splitterverhalten untersucht. Alle Ergebnisse unserer Forschung haben wir im Dialog mit Jägern und Naturschützern diskutiert und ausgewertet. Im Rahmen einer internationalen Konferenz zum Schutz von Greifvögeln, haben die engagierten Teilnehmerinnen und Teilnehmer die zuständigen Ministerien der Länder aufgefordert, weitere Untersuchungen zu fördern und das Verbot von bleihaltiger Munition im Verbreitungsgebiet des Seeadlers voranzutreiben. Ferner belegen internationale Studien, dass bleihaltige Geschossreste im Fleisch von Wildtieren auch für den Menschen ein Gesundheitsrisiko darstellen. Erste Erfolge sind bereits zu verzeichnen: In Deutschland ist der Einsatz vom Bleimunition in den Wäldern einiger Bundesländer, Nationalparks und Jagdrevieren bereits verboten.

Konflikte zwischen Mensch und Tier

Im Osten Afrikas kommt es immer wieder zu Interessenkonflikten zwischen Mensch und Wildtier. Raubtiere, die das Vieh der Bauern reißen, Krankheitserreger, die von Wild- auf Haustiere übertragen werden und umgekehrt sowie Jäger, die durch illegales Jagen die Bestände der Wildtiere dezimieren, zählen zu den Problemen der Region. Wir haben uns intensiv mit diesen Konflikten zwischen Mensch und Tier auseinandergesetzt.

Unser Forscherteam beschäftigt sich beispielsweise mit den wirtschaftlichen Schäden, die wildlebende Raubtiere anrichten. Obwohl Farmer immer wieder Teile ihrer Viehbestände durch Raubtiere verlieren, sind die Schäden, die durch Krankheiten verursacht werden, weitaus gravierender. Eine umfassende tierärztliche Versorgung sowie eine Schulung der Farmer könnten bereits helfen, hohe Viehverluste durch Krankheiten zu vermeiden.

Das illegale Jagen von Wildtieren ließe sich am wirkungsvollsten durch Aufklärungs– und Bildungsprogramme eindämmen. Wilderern müssten innovative Möglichkeiten einer alternativen Lebensgestaltung vermittelt werden. Den eigenen Lebensunterhalt auf eine nachhaltige, naturverträgliche Weise zu verdienen, würde nicht nur den Menschen der Region zu Gute kommen, sondern auch die Wildtierbestände im Osten Afrikas schützen.

Die Zukunft der Rückkehrer

Auf leisen Pfoten erobern derzeit zahlreiche einst als ausgerottet geltende Tierarten ihren Lebensraum in Deutschland zurück. Aufgrund der zurückgezogenen Lebensweise vieler Arten ist dieser spannende Prozess nur schwer zu beobachten. In Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern zahlreicher anderer Forschungsinstitutionen beobachten wir das Verhalten besonders scheuer Raubtierarten. Ziel unserer Kooperation ist es, genetische Marker für Luchse, Fischotter, Wölfe, Wildkatzen und Braunbären zu entwickeln, mit denen sich jedes einzelne Tier identifizieren und von seinen Artgenossen unterscheiden lässt. Mit Hilfe der so gewonnenen Daten wollen wir eine Vielzahl von interessanten Fragen beantworten. Besonders die genetische Ausstattung der nach Deutschland und Mitteleuropa zurückgekehrten Raubtiere steht im Fokus unserer Untersuchungen. Wir wollen nicht nur mehr über das Erbgut und die Rolle der genetischen Vielfalt der oftmals noch sehr kleinen Raubtierbestände lernen, sondern auch in Erfahrung bringen, welche speziellen Erbinformationen auf welchen Wegen nach Mitteleuropa gelangen. Um die Zukunftschancen der zurückgekehrten Raubtiere besser einschätzen zu können, sind die Forschungsergebnisse des IZW wegweisend. Unsere Daten sollen nicht nur helfen, solche großräumigen Veränderungen der Artenvielfalt besser zu verstehen. Wir wollen auch analysieren, wie das Zusammenleben von Menschen und Raubtieren in den stark industriell genutzten und dicht besiedelten Landschaften Mitteleuropas funktioniert.

Virtuelle Wildtier-Welten

Komplexe demografische Computermodelle und Simulationen („Population Viability Analysis“ (PVA)), die das Anwachsen oder Schrumpfen eines Bestandes nachbilden, können helfen, die Auswirkungen menschlicher Aktivitäten auf die Entwicklung von Wildtierpopulationen zu verstehen und zu visualisieren. Wissenschaftler können mit Hilfe der Modelle besser einschätzen, wie stark Krankheitserreger, Veränderungen des Klimas etc. in einem bestimmten Zeitraum eine Art beeinflussen. Auch über die Wahrscheinlichkeit, ob eine Wildtierart in den nächsten Jahrzehnten aussterben wird, lässt sich so Auskunft geben.

Die Computersimulationen werden mit sehr detaillierten Informationen gespeist: Verhaltensweisen, ökologische Ansprüche und Eigenheiten der jeweiligen Art werden ebenso berücksichtigt wie aktuelle Daten zur Bestandsentwicklung und zum Ausbreitungsverhalten der betreffenden Arten. Informationen zur Struktur der Landschaft vervollständigen das Datenprofil. Unsere präzisen Berechnungen können so zum Beispiel helfen, die Erfolgsaussichten verschiedener Naturschutzmaßnahmen einzuschätzen. Auch lässt sich dank unserer Simulationen nachvollziehen, ob sich eine Impfkampagne oder die Wiederherstellung eines bestimmten Lebensraumes rentieren.

Ausgewählte Publikationen

East ML, Nyahongo JW, Goller KV, Hofer H (2012) Does the vastness of the Serengeti limit human-wildlife conflicts? In: Somers MJ, Hayward MW (eds) Fencing for conservation: restriction of evolutionary potential or a riposte to threatening processes? pp 125-151. Springer, Heidelberg, New York.

Hofer H, East ML (2012) Stress and immunosuppression as factors in the decline and extinction of wildlife populations: concepts, evidence and challenges. In: Aguirre AA, Ostfeld RS, Daszak P (eds) New directions in conservation medicine: applied cases of ecological health, pp 82-107. Oxford University Press, New York.

Voigt CC, Popa-Lisseanu A, Niermann I, Kramer-Schadt S (2012) The catchment area of wind farms for European bats: A plea for international regulations. Biol Cons 153: 80-86.

Klar N, Herrmann M, Henning-Hahn M, Pott-Dörfer B, Hofer H, Kramer-Schadt S (2012) Between ecological theory and planning practice: (Re-)Connection of forest patches for the Wildcat in Lower Saxony, Germany. Landscape and Urban Planning 105: 376-384.

Lange M, Kramer-Schadt S, Thulke HH (2012) Efficiency of spatio-temporal vaccination regimes in wildlife populations under different viral constraints. Veterinary Research 43: 37.

Lange M, Kramer-Schadt S, Blome S, Beer M, Thulke HH (2012) Disease severity declines over time after a wild boar population has been affected by Classical Swine Fever – Legend or actual epidemiological process? Preventive Veterinary Medicine 106: 185-195.

Kramer-Schadt S, Kaiser T, Frank K, Wiegand T (2011) Analyzing the effect of stepping stones on target patch colonisation in structured landscapes for Eurasian lynx. Landscape Ecology 26: 501-513.

Krone O (2011) Bleivergiftungen bei Greifvögeln. Ursachen, Erfahrungen, Lösungsmöglichkeiten. Der Seeadler als Indikator. Proceeding of the Conference "Bleivergiftungen bei Seeadlern: Ursachen und Lösungsansätze" from April 16th 2009 in Berlin. Berlin: Free University. p 127.