Im Dialog mit den Menschen

Konflikte zwischen Wildtieren und Menschen werden weltweit zu einem immer drängenderen Problem. Manchmal prallen die Interessen von Mensch und Tier dabei direkt aufeinander – etwa, wenn Hirten Raubtiere abschießen, weil diese sich an ihrer Herde vergreifen. Solche Fälle sind noch relativ leicht zu durchschauen. Schwieriger wird es, wenn Arten unter den indirekten Auswirkungen von menschlichen Aktivitäten zu leiden haben. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn durch bleihaltige Jagdmunition unbeabsichtigt auch Greifvögel zu Schaden kommen.

Eines aber haben all diese Konflikte gemeinsam: Sie lassen sich nur im Dialog mit den betroffenen Menschen lösen. Idealerweise sollte man dabei alle Interessengruppen mit einbeziehen. Landwirte und Viehzüchter können ebenso wichtige Ansprechpartner sein wie Jäger und Naturschützer, Verbände und Regierungsstellen. In unseren Projekten zur Naturschutzforschung haben wir in den letzten Jahren immer wieder solche Kontakte gesucht – egal, ob in Europa, Afrika oder Asien. Wir haben Workshops und Konferenzen veranstaltet und immer wieder über neue Ergebnisse unserer Arbeit berichtet. Wenn für den Naturschutz wichtige Entscheidungen gefällt werden mussten, konnten sich die zuständigen Stellen daher auf ein solides Fundament stützen: Wir haben sie nicht nur mit detaillierten Informationen über die Biologie und Ökologie verschiedener Tierarten versorgt, sondern auch mit Ideen, wie sich die Konflikte zwischen Mensch und Tier lösen lassen.

Was Greifvögel über Blei verraten

Obwohl Greifvögel wie der Seeadler in Deutschland in der Regel nicht von Jägern geschossen werden, sterben viele der Tiere jedes Jahr an den indirekten Folgen der Jagd. Vor allem in den Wintermonaten verlegen sich Seeadler auf Aas als Hauptnahrungsquelle. Verendetes Wild oder die zurückgelassenen Innereien von geschossenen Tieren sind für die Greifvögel ein gefundenes Fressen. Die Munition der Jäger enthält in der Regel jedoch stark giftiges Blei, das sich – zersplittert das Geschoss beim Eintritt in den Körper - im  Leib erlegter Tiere verteilt. Das mit der Nahrung aufgenommene Schwermetall führt bei den Seeadlern zu massiven Vergiftungen. Für den Wappenvogel Deutschlands sind Bleivergiftungen in den letzten Jahrzehnten zur Haupttodesursache geworden.

Im Dialog mit Jägern, Jagdverbänden und Munitionsherstellern aber auch Natur- und Umweltschützern wurden die aus der bleihaltigen Munition resultierenden Probleme für die Seeadler und andere Greifvögel diskutiert. In einer gemeinsamen Erklärung plädierten alle Beteiligten dafür, die Auswirkungen und Risiken dieser Jagdgeschosse kritisch zu untersuchen – auch im direkten Vergleich mit Munition aus anderen Materialien. Der wichtigste Punkt der Übereinkunft betraf jedoch das Verbot von bleihaltiger Munition im Verbreitungsgebiet des Seeadlers.

Möglicherweise stellen die bleihaltigen Geschosse nicht nur für Greifvögel ein Gesundheitsrisiko dar. Im Wildfleisch, das für den menschlichen Verzehr gedacht war, ließen sich ebenfalls bedenkliche Mengen bleihaltiger Munition nachweisen. Ein regelmäßiger Verzehr von Wild kann folglich zu erhöhten Bleikonzentrationen im Körper führen. Anreicherungen des giftigen Schwermetalls im menschlichen Organismus können zu einer ganzen Reihe von zum Teil schweren Gesundheitsproblemen führen. Die Symptome einer chronischen Bleivergiftung reichen von Müdigkeit und Kopfschmerzen bis hin zu Störungen der Blutbildung und des Nervensystems, der Muskelfunktionen und der Fruchtbarkeit. Bei Kindern ist die geistige Entwicklung dauerhaft geschädigt. 

Farmer und Geparde in Namibia

Der weltweit größte Bestand an freilebenden Geparden ist auf namibischem Farmland beheimatet. Da die Raubkatzen regelmäßig Nutztiere der namibischen Farmer reißen und ihnen dadurch einen wirtschaftlichen Schaden verursachen, werden sie von einigen Farmern erschossen, manchmal auch prophylaktisch. Wir arbeiten daher eng mit den Farmern zusammen, vermitteln ihnen unsere wissenschaftlichen Ergebnisse und suchen gemeinsam nach Lösungen, um die Verluste zu reduzieren.

Im Rahmen unseres Forschungsprojektes in Namibia untersuchen wir deshalb, welche ökologische Rolle die Geparde in diesem Lebensraum spielen und welche Schäden sie tatsächlich anrichten. Auch wollen wir in Erfahrung bringen, wovon sich die Raubtiere genau ernähren und wo sie sich wann und wie lange aufhalten.

Wir betreiben einen offenen Dialog mit den betroffenen Farmern, um auf ihre Erfahrungswerte zurückzugreifen und um mit ihnen an Lösungsvorschlägen für ein konfliktminimiertes Zusammenleben mit den Geparden zu arbeiten.  Dieser ständige Informationsaustausch auf Versammlungen der Farmer, aber auch auf vom IZW organisierten Workshops zeigt bereits große Erfolge. Während das Jagen und Schießen von Geparden früher regelmäßig vorkam, arbeiten jetzt immer mehr Farmer mit uns zusammen. Die Kooperation zwischen unserem Forschungsteam und den namibischen Farmern ist für dieses Projekt von großer Bedeutung. In den letzten Jahren haben die Farmer beispielsweise fast die Hälfte aller Geparde für unsere Studie in Kastenfallen gefangen. Dank ihrer Hilfe konnte so eine Vielzahl der namibischen Raubkatzen mit einem Senderhalsband ausgestattet  werden. Mit Hilfe der Bewegungsdaten der Geparde konnten wir bereits mehreren Farmern zeigen, wo Gebiete mit geringer Gepardenaktivität liegen, die somit geeignet für Rinderherden mit kleinen Kälbern sind. Die Kälberverluste sanken in der Folge drastisch ohne dass sich die Gepardenaktivität in diesen Gebieten erhöhte.  

Internationaler Schutz für Borneos bedrohte Arten

Südostasien gehört zu den Brennpunkten des weltweiten Artensterbens. Besonders die großen Säugetiere sind von dieser Krise massiv betroffen; viele von ihnen zählen zu den am stärksten bedrohten Arten der Region. Das gilt zum Beispiel für das Sabah-Nashorn (Dicerorhinus sumatrensis harrissoni), das den Titel „kleinstes Nashorn der Welt“ für sich beanspruchen kann. Diese Unterart des Sumatra-Nashorns war in den Tieflandregenwäldern Borneos früher weit verbreitet. Doch die Zerstörung seines Lebensraums und die Wilderei haben die Bestände in den letzten 15 Jahren an den Rand des Aussterbens gebracht.

Zusammen mit verschiedenen Partnerorganisationen hat das IZW daher ein umfangreiches Schutz- und Zuchtprogramm für die vom Aussterben bedrohten Nashörner ins Leben gerufen. An der Aktion beteiligen sich die Regierung von Sabah (Bundesstaat von Malaysia), die Naturschutzorganisationen Borneo Rhino Alliance und WWF Malaysia sowie der Leipziger Zoo. Die Ziele dieses Vorhabens definiert ein ausgefeilter Managementplan, der verschiedene Schutzmaßnahmen miteinander kombiniert. Dabei arbeiten Freilandbiologen, Tierärzte und Zoofachleute Hand in Hand.

Ökologische Untersuchungen sollen klären, welche Bereiche ihres Lebensraums die Sabah-Nashörner präferieren. Diese ließen sich dann nicht nur besser schützen, man könnte sogar die Natur nach den Bedürfnissen der Nashörner gestalten. Außerdem werden von den Projektmitarbeitern Zuchtstationen aufgebaut, um dort geborene Tiere auf die Auswilderung vorzubereiten. Entscheidend für den Erfolg des Projektes ist auch die Überwachung der Aktivität der Wilderer, die das Überleben der Sabah-Nashörner akut gefährden könnten.

All diese Daten und Erfahrungen werden den lokalen Behörden zur Verfügung gestellt, um die Schutzmaßnahmen für die Sabah-Nashörner zu optimieren. Auf Workshops planen und diskutieren die beteiligen Projektpartner mit welchen Mitteln der Schutz der Nashörner weiter vorangetrieben werden kann und unterbreiten der Regierung von Sabah konkrete Empfehlungen zur Sicherung der Nashornbestände Borneos.

Das Forscherteam des IZW setzt sich aber auch mit anderen bedrohten Säugetierarten der Region auseinander. Wir haben eine Studie über die auf der Insel Borneo vorkommenden Raubtiere initiiert. In Zusammenarbeit mit der Weltnaturschutzunion IUCN und der Regierung von Sabah haben wir im Juni 2011 eine erste große Konferenz zu diesem Thema organisiert. Auf dem „Borneo Carnivore Symposium“ (BCS) in Kota Kinabalu (Hauptstadt von Sabah) kamen 200 internationale Experten zusammen, um über Schutzmaßnahmen für die Raubtiere Borneos zu diskutieren. Bereits 50 % aller Raubtierarten der südostasiatischen Insel werden auf der Roten Liste der Weltnaturschutzunion (IUCN) geführt. Ziel der Raubtier-Konferenz war es, Wissenschaftler, Naturschützer und Regierungsvertreter der drei Staaten auf Borneo - Malaysia, Indonesien und Brunei - miteinander ins Gespräch zu bringen. Nur eine verbesserte internationale Zusammenarbeit kann die Erfolgsaussichten des Projektes zum Schutz der Raubtierwelt Borneos deutlich erhöhen. 

Ausgewählte Publikationen

Wachter B, Blanc AS, Melzheimer J, Höner OP, Jago M, Hofer H (2012) An advanced method to assess the diet of free-ranging large carnivores based on scats. PLoS ONE 7.

Krone O (2011) Bleivergiftungen bei Greifvögeln. Ursachen, Erfahrungen, Lösungsmöglichkeiten. Der Seeadler als Indikator. Proceeding of the Conference "Bleivergiftungen bei Seeadlern: Ursachen und Lösungsansätze" from April 16th 2009 in Berlin. Berlin: Freie Universität. p 127.

Shepherd CR, Belant JL, Breitenmoser-Würsten C, Duplaix N, Ambu LN, Wilting A (2011) Conservation challenges and opportunities for Borneo’s carnivores. Traffic Bull 23: 89-91.