Vampirfledermäuse: Wer hat hier wen gebissen?

Vampirfledermaus (Desmodus rotundus)
Vampirfledermaus (Desmodus rotundus), ERV Virusstammbaum. Foto: E. Lonza Rudio und ML Ojeda Mendez

Wissenschaftler haben einen neuen „fossilen” Retrovirus in Vampirfledermäusen entdeckt. Der neue Virus gleicht denen in Nagetieren und Primaten. Die Ergebnisse weisen darauf hin, dass die Zirkulation eines aktiven infektiösen Retrovirus erst kürzlich stattgefunden hat und die Übertragung artenübergreifend erfolgte. Die Studie wurde jetzt im Wissenschaftsmagazin „Journal of Virology“ veröffentlicht.

Proben der Vampirfledermaus (Desmodus rotundus) aus Mexiko und aus dem Zoologischem Garten Berlin enthüllten ein neues endogenes Retrovirus (DrERV, benannt nach Desmodus rotundus endogenous retrovirus). Endogene Retroviren sind Viren, welche in das Erbgut von Tieren und Menschen eindringen und dann von Generation zu Generation weiter vererbt werden

Das in Vampirfledermäusen entdeckte Virus kommt auch bei Nagern und Primaten vor. Bei anderen nah verwandten Fledermausarten konnte das Virus aber bisher nicht nachgewiesen werden. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass dieses Virus in der Vergangenheit mehr als einmal zwischen verschiedenen Arten gesprungen ist. Weiterhin zeigte die Analyse evolutionärer Prozesse, dass sich das Virus bereits vor sehr langer Zeit in das Genom von Vampirfledermäusen integriert hat, jedoch erst kürzlich in Affen und Ratten. Demnach könnte ein aktives infektiöses Gegenstück von DrERV noch immer in Umlauf sein.

„Zu unserer Überraschung legt das Resultat nahe, dass Vampirfledermäuse womöglich nicht das Reservoir für dieses endogene Retrovirus sind. Stattdessen wurden die Fledermäuse vermutlich unabhängig von Affen und Ratten durch einen bisher noch unbekannten Überträger infiziert“, berichtet Marina Escalera, Hauptautorin der Studie.

Ein großes internationales Forscherteam suchte nach neuen Viren bei Vampirfledermäusen. Bisher wusste man, dass Vampirfledermäuse Tollwut-Viren haben können. Zum Forscherteam gehört Alex Greenwood, Leiter der Abteilung Wildtierkrankheiten am Berliner Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW), Wissenschaftler der  Nationalen Autonomen Universität von Mexiko (UNAM) und, neben anderen mexikanischen Institutionen, Kollegen des National Centre for Research in Animal Microbiology (CENID-INIFAP), sowie das Zentrum für Geogenetik des Museums für Naturkunde in Kopenhagen.

Die Wissenschaftler fanden eine besondere Form eines ‚fossilen‘ Virus, das als endogenes Retrovirus (ERV) bekannt ist. Die ERVs gehören zur gleichen Familie wie die HI-Viren, aber anders als bei HIV sind ER-Viren dazu fähig, sich in das Erbgut ihrer Wirte zu integrieren. Aus diesem Grund ist es auch möglich, anhand der ERVs vergangene virale Infektionen bei Wirtstieren zu untersuchen und das auch über einen Zeitraum von mehreren Millionen Jahren. Eine Gefahr, die bei ERVs weiterhin besteht, ist ihre Fähigkeit der Reaktivierung. Diese Viren können somit an der Entwicklung von neuen Krankheiten beteiligt sein.

„Ein zentraler Schwerpunkt unseres Teams liegt in der Erforschung von neuen und historischen Übertragungswegen von Krankheitserregern im Wildtierbereich und die daraus resultierenden evolutionären Auswirkungen. Bisher haben wir die Evolution von Retroviren in verschiedenen Säugetierarten untersucht. Wir wissen, dass diese Viren hauptsächlich durch Blut zu Blut-Kontakt übertragen werden. Deshalb gehen wir davon aus, dass Vampirfledermäuse Träger von Retroviren sind, die in ihrer Evolution besonders dazu neigen, von einer Art zur anderen zu springen“, erklärt Greenwood.
Die Überwachung von Krankheitserregern bei Wildtieren ist eine wichtige Strategie zur Früherkennung von Viren, die ein potentielles Gesundheitsrisiko sowohl für Menschen als auch andere Tiere darstellen können. Die Vampirfledermaus (Desmodus rotundus) ist in Lateinamerika weit verbreitet, vom Süden in Mexiko bis zum Norden von Chile, Brasilien und Uruguay. Sie ernährt sich zumeist vom Blut von Haustieren, wie zum Beispiel von Rindern. Von Vampirfledermäusen ist bekannt, dass sie das Tollwutvirus in sich tragen, hingegen weiß man nur wenig darüber welche anderen Viren sie noch mit sich führen.

Diese Studie ist die bisher einzig bekannte Untersuchung eines endogenen Retrovirus in Fledermäusen der neuen Welt (Amerika). Sie zeigt, dass es noch einiges über Vampirfledermäuse als Reservoir für Viren zu erforschen gibt.

Publikation:
Escalera-Zamudio M, Mendoza MLZ, Heeger F, Loza-Rubio E, Rojas-Anaya E, Méndez-Ojeda ML, Taboad B, Mazzoni CJ, Arias CF, Greenwood AD (2015):
A novel endogenous betaretrovirus in the common vampire bat (Desmodus rotundus) suggests multiple independent infection and cross-species transmission events. J VIROL. Doi: 10.1128/JVI.03452-14.
http://jvi.asm.org/content/early/2015/02/19/JVI.03452-14.abstract

 

Kontakt:
Leibniz-Institut für Zoo und Wildtierforschung (IZW)
Alfred-Kowalke-Str. 17
10315 Berlin
 
Marina Escalera
Tel.: +49 30 5168 232
 
Prof Alex D Greenwood PhD
Tel.: +49 30 5168 255
 
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(Öffentlichkeitsarbeit)
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