Deutschlands Energiewende kollidiert mit migrierenden Fledermäusen

Mückenfledermaus (Pipistrellus pygmaeus). Eine kleine europäische Fledermausart, die vermutlich über weitere Strecken zieht. Foto: CC Voigt/ IZW
Mückenfledermaus (Pipistrellus pygmaeus). Eine kleine europäische Fledermausart, die vermutlich über weitere Strecken zieht. Foto: CC Voigt/ IZW

Fledermäuse verunglücken in großer Zahl an deutschen Windkraftanlagen. Die Zahl solcher Anlagen ist hierzulande bereits sehr hoch und soll noch weiter steigen. Mehr als zwei Drittel der Tiere, die durch Windkraftanlagen auf deutschem Boden zu Tode kommen, sind jedoch wandernde Fledermäuse auf ihrem Weg zwischen ihren Sommer- und Winterlebensräumen. Aufgrund seiner zentralen geographischen Lage in Europa hat Deutschland deshalb eine große Verantwortung für den Schutz migrierender Fledermäuse.

Nicht alles, was sich „grün“ nennt, dient auch dem Naturschutz. Zurzeit werden in Deutschland zahlreiche Windkraftanlagen mit dem Ziel errichtet, die Produktion von regenerativer Energie aus Windkraftanlagen bis 2020 um 30 Prozent zu steigern. An diesen Anlagen verunglücken jedoch Fledermäuse. Dies steht im Konflikt mit nationalen und internationalen Naturschutzrecht und internationalen Abkommen, darunter die von Deutschland unterzeichnete UN-Konvention zur Erhaltung wandernder wildlebender Tierarten, zu denen auch Fledermäuse zählen. Tausende dieser Tiere kommen jedes Jahr in Deutschland durch Windkraftanlagen zu Tode. Zwar gibt es Maßnahmen, mit denen die Zahl der getöteten Fledermäuse pro Anlage deutlich reduziert werden könnte, aber diese werden in der Praxis nicht konsequent umgesetzt. Die Schutzempfehlungen, die sich aus der UN-Konvention ableiten lassen, sind rechtlich nicht bindend, weshalb sie in Genehmigungsverfahren für Windkraftanlagen bisher nicht mit einfließen. „Wir schätzen, dass nur ein Bruchteil der bis zum Jahr 2014 in Deutschland errichteten 24.000 Windkraftanlagen Auflagen erfüllen, die dem Naturschutz dienen. Viele – insbesondere ältere – werden unter keinen oder nur mangelhaften Auflagen betrieben“, berichtet Christian Voigt, Biologe und Fledermausforscher am Berliner Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW). Er hat gemeinsam mit weiteren Autoren eine jüngst im wissenschaftlichen Fachblatt „European Journal of Wildlife Research“ veröffentlichte IZW-Studie verfasst, die einen Überblick über die Probleme bietet, welche Windkraftanlagen für den Schutz von Fledermäusen mit sich bringen.

Jedes Windrad, bei dessen Betrieb auf Naturschutz keine Rücksicht genommen wird, hat jährlich den Tod von 10 bis 12 Fledermäusen zur Folge. Diese Zahlen variieren je nach geographischer Lage und Anlagentypus. Wenn alle in Deutschland existierenden Anlagen ohne Auflagen betrieben würden, würde dies jährlich bis zu 250.000 Fledermäusen das Leben kosten, folgern die IZW-Wissenschaftler. Dabei entstammen zwei Drittel der zu Tode gekommenen Fledermäuse – etwa 70 Prozent – Populationen, die in anderen Ländern heimisch sind. Wegen seiner zentralen Lage queren sie Deutschland auf dem Weg von ihren nordosteuropäischen Sommerlebensräumen zu ihren süd- und westeuropäischen Winterlebensräumen und zurück. „Deswegen haben wir eine besondere Verantwortung, den Schutz dieser migrierenden Arten in Deutschland sicherzustellen“, betont Christian Voigt.

Werden weitere Windkraftanlagen in Deutschland gebaut und unter mangelhaften Auflagen betrieben, wird sich dies auf die Fledermaus-Populationen in den Herkunftsgebieten auswirken. Dabei haben nicht nur die Zahl der Windräder, sondern auch ihre Ausmaße Bedeutung: Windräder neuerer Generationen sind mit größeren Rotorblättern bestückt und auch bei niedrigeren Windgeschwindigkeiten profitabel. Da eine effektive Schutzmaßnahme für Fledermäuse darin besteht, Windräder bei wenig Wind abzuschalten, „kostet“ diese künftig dem Betreiber mehr. Wissenschaftler erwarten zudem, dass Fledermäuse wegen der größeren Rotorblätter stärkeren Kräften ausgesetzt sind, die häufiger zu Barotraumata bei den Tieren führen dürften. Bei barotraumatisierten Tieren zerreißen durch die starken Luftdruckunterschiede an den Rotorblättern die inneren Organe, inklusive der Hörorgane, auf welche Fledermäuse bei der Jagd angewiesen sind. „Fledermäuse mit mildem Barotrauma sterben jedoch vermutlich nicht sofort, sondern könnten noch einige Minuten oder sogar Stunden weiterfliegen, so dass sich die Zahl der unentdeckten Todesfälle erhöhen dürfte“, befürchtet Voigt.

Zurzeit wird insbesondere der verstärkte Bau von Windkraftanlagen in Wäldern diskutiert. „Da dort die Aktivität von Fledermäusen besonders hoch ist und tote Tiere kaum geborgen werden können, sehen wir diese Entwicklung mit großer Besorgnis“, sagt IZW-Wissenschaftler Christian Voigt. Er und die Co-Autoren seiner Studie empfehlen, Betreiber von Windkraftanlagen künftig stärker in die Pflicht zu nehmen: Die Anlagen sollten während der Wanderungszeit von Fledermäusen auch bei stärkeren Winden konsequent vom Netz genommen werden. Bei einer Abwägung wirtschaftlicher Kosten mit dem Artenschutz müsse der Nutzen für den Naturschutz künftig höher bewertet werden – nicht zuletzt wegen der besonderen Verantwortung Deutschlands.

 

Publikation:
Voigt CC, Lehnert L, Petersons G, Adorf F, Bach L (2015): Wildlife and renewable energy: German politics cross migratory bats. EUR J WILDLIFE RES. doi:10.1007/s10344-015-0903-y.

 

Kontakt:
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(Öffentlichkeitsarbeit)
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